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1.5.26

Yo, 50 Jahre Punk

Yo, 50 Jahre Punk, jetzt kommen die Musik- und Kulturredaktionen aus der Deckung und arbeiten ihre Zettelkästen ab mit all den Stichworten, die sie in den letzten 50 Jahren aufgesammelt haben, um alte Klischees wiederzukäuen und neue Klischees zu erfinden, anstatt selber zu recherchieren und nachzudenken. Zu verklebt ihre Gehirne.

50 Jahre Punk, aber welcher Punk? Okay Sommer 1976 könnte für die Londoner Szene passen, deren ersten Vinylprodukte dann zum Jahresende kamen. Aber eigentlich war es ja der Sommer 1977 in London mit dem Silberjubiläum der Queen und "God Save the Queen" von den Sex Pistols. Oder war da Punk schon wieder vorbei, weil aus der Geheimgesellschaft eine Massenbewegung wurde?<(p>

Aber ist London allein der Maßstab für Punk? Was ist mit New York (und Los Angeles)? Die Ramones gab es schon seit 1974, ihre erste LP erschien im April 1976 und war viel mehr die musikalische Blaupause für Punk als die Sex Pistols, die ja das Etikett Punk für sich selbst ablehnten. Abgesehen davon lässt sich ein Ursprung von Punk zeitlich gar nicht richtig festmachen, war Punk doch eigentlich keine Neuerfindung, sondern das Ergebnis einer musikalischen Entwicklung, zu der in England Glam- und Pubrock, aber auch das Rock'n'Roll-Revival der 1970er Jahre gehörte. Lieber wird auf die Vorläufer aus den USA geschaut als da wären Velvet Underground mit Lou Reed, die Stooges mit Iggy Pop und MC5 aus Detroit, Heimat von Alice Cooper und Suzi Quatro, nicht zu vergessen der ganze amerikanische Garagenrock als Reaktion auf die British Invasion, der schon damals als Punk gelabelt wurde. Und so war Punk auch nur ein Zwischenstopp, bzw. Inspiration, wenn man sich überlegt, wer zu dieser Zeit alles ans Tageslicht kam, Phänomene wie Residents und Chrome, Pere Ubu und Devo, und wie bunt war eigentlich die New Yorker Szene mit Blondie, Television, Talking Heads und Suicide? Und wie schnell sich die englische und amerikanische Szene mit Hilfe von billiger Elektronik und Krautrock ausdifferenzierte zu dem, was heute alles als Post-Punk bezeichnet wird.

Will sagen, Punk musikalisch an bestimmten Stilistiken festzunageln ist ziemlich schwierig. Offensichtlicher ist es, Punk als ein Phänomen des öffentlichen Auftretens, des Bruchs mit bürgerlichen Konventionen zu interpretieren - oder wie Diedrich Diederichsen es sagen würde: Punk befreite die Zeichen von ihrer Bedeutung. Vorher konnte man die Menschen an ihrer Kleidung erkennen, danach war die Gewissheit, aus dem Aussehen auf den Inhalt schließen zu können, dahin. Und da dürfte wohl eher das Jahr 1977 das richtige Jubiläum sein. Okay, einigen wir uns auf den 1. Dezember 1976, als die Sex Pistols und einige ihrer Freunde zu Bill Grundy ins Fernsehen eingeladen wurden.

Aber was ist mit Westdeutschland, wann können wir hier 50 Jahre Punk feiern? Interessanterweise ist der westdeutsche Punk kein Meilenstein in der Entwicklung von westdeutscher Rock- und Popmusik, sondern ein gezielter Bruch. Es gibt keine westdeutschen musikalischen Vorläufer für Punk, nicht mal Ton Steine Scherben (ja ich weiß, S.Y.P.H. waren Fans von Can). Der westdeutsche Punk funktionierte komplett als Übernahme von musikalischen Formen aus England und den USA. Das war aber kein Einzelfall, so haben die Jugendkulturen in Westdeutschland seit 1945 funktioniert. Es gab die Schlagerwelt für Erwachsene und die Rebellion der Jugend dagegen, zuerst mit amerikanischem Rock'n'Roll, danach mit englischer Beatmusik. Dann kam die komplette Neuerfindung Ende der 1960er Jahre, die absolute Negation der Schlagerwelt durch elektronische Musik (wobei man bei den entwickelten Klängen durchaus eine Bezugnahme auf musikalische Traditionen vor dem ersten Weltkrieg erkennen könnte), Improvisation, Rhythmik und außereuropäische Musik (ich zögere diese musikalischen Pioniere unter Krautrock einzusortieren). Und fast keiner hat deutsch gesungen. Der nächste Bruch war dann Punk und in der Folgezeit auch die NDW, denn auch hier ist höchstens eine ironische Bezugnahme auf die Schlagerwelt zu erkennen. Erst in den 1980er Jahren kam es dann zu einer Vermischung von jugendlicher Rock- und Popmusik und der Schlagerwelt. Aber das war lange nach dem Scheitern von Punk und NDW am Versuch, den musikalischen Mainstream dauerhaft zu übernehmen. Und nein, Nena war nie NDW.

Wo wäre jetzt also das Jubiläum für Punk in Westdeutschland? Die Nina Hagen-Band war zwar imagemäßig ein mehr oder minder erfolgreicher Angriff auf den bürgerlichen Mainstream, aber musikalisch kein Punk. Big Balls And The Great White Idiot, Straßenjungs, The Pack und The Maniacs (aus Heidelberg) klangen zu sehr nach älteren Musikern, die auf den rollenden Zug aufspringen wollen, auch wenn sie musikalischen nicht uninteressant waren. Sie hatten aber auch den Nachteil, bei etablierten Plattenfirmen zu veröffentlichen, was der aus England übernommenen Do-It-Yourself-Ästhetik der jungen Punks widersprach. Lustigerweise wurde das den englischen und amerikanischen Vorbildern nicht vorgeworfen, aber ohne deren kapitalistischen Verbreitungsmechanismen wäre ihre Musik in Westdeutschland nie so wirkmächtig geworden. Erst 1979 erschienen die ersten längeren Tonträger in Westdeutschland, die eine eigene Interpretation von Punk dokumentierten als da wären LPs von Male aus Düsseldorf und von Rotzkotz und Hans-A-Plast aus Hannover. Dazu kamen noch die erste (instrumentale) LP der Deutsch Amerikanischen Freundschaft sowie die Elektronik-LP "Inland" vom Pyrolater, letztere meiner persönlichen Meinung nach ein perfektes Abbild der damaligen Stimmungslage in der westdeutschen Gesellschaft. Daneben kamen eine Reihe von Singles und EPs aus Hamburg, Berlin und anderen Städten, teils mit simplem Punk, teils mit avantgardistischen Klängen, teilweise inspiriert von durch die Medien verbreiteten Stereotypen, teilweise aber auch schon in direkter Inspiration von den vielfältigen Entwicklungen in der englischen und amerikanischen Musikszene. Wenn es ein Jubiläum von Punk in Westdeutschland zu feiern gäbe, dann wäre das Jahr 1979 ein guter Ausgangspunkt, auch wenn der westdeutsche Punk nur langsam von der Öffentlichkeit wahrgenommen wurde. Öffentlich wahrnehmbarer war dagegen die Titelstory vom Spiegel vom 23.1.1978 "PUNK - Kultur aus den Slums: brutal und häßlich", aber das war nur wie eine gruselige Reportage von einem Verbrechen im Ausland, das hatte nichts mit der westdeutschen Realität zu tun. Vielleicht sollte man auch bis zu den ersten Erfolgen von den Toten Hosen und den Ärzten warten, auch wenn Punk-Puristen diese als Verräter an der Punk-Idee ablehnen würden. Aber sowas wie das Bill Grundy-Interview oder die Veröffentlichung von "Smells like teen spirit" gibt es im westdeutschen Punk nicht. Daher, das Thema Punk-Jubiläum ist nur ein Marketingtrick der westdeutschen Kulturindustrie.

Leseempfehlung: Interview mit Dr. Michael Arndt MdB

28.4.26

Hollow Skai ... und dann kam Punk

Kurz nach dem Podcast mit meinem ehemaligen Mitmusiker entdeckte ich, dass in der gleichen Podcast-Serie auch Hollow Skai eingeladen wurde, als Teil seiner Promotion für das "Hey Ho, Let's Go!"-Buch. Dass Hollow uns auf dem verwendeten Portraitfoto den Mittelfinger entgegenstreckt finde ich nicht so prall, auch war der Podcast bezüglich der mich interessierenden Aspekte der hannoverschen Punk-Historie nicht sehr ergiebig. So möchte ich mich auf ein paar wenige Anmerkungen beschränken.

Interessanterweise nimmt die Diskussion, ob Hüsker Dü in Hannover aufgetreten sind - so wird es in dem Buch berichtet - oder nicht, doch einigen Raum ein. Laut einem der Interviewpartner waren aber nicht Hüsker Dü, sondern Nig-Heist die Vorgruppe von Black Flag am 10.6.1984 in der Kornstraße, auch wenn Hüsker Dü auf den damaligen Tourneeplakaten auftaucht (im Internet kann man hier, hier und hier mehr dazu lesen).

An anderer Stelle fiel der Name "Süßkind" als angebliches Mitglied von Der Moderne Man. Tatsächlich aber war er Bassist bei Kosmonautentraum und Melodica-Spieler auf der "Subnarcotic"-LP der 39 Clocks (und auf der "Ach Hannover"-MC wirkte er bei Die Unsichtbaren Hand mit).

Dass ich mal im Muzak geschrieben hab, dass Hollow Skai Haarsausfall hat, daran konnte ich mich nicht erinnern, Stimmt aber, im Heft 5 von 1979 zeigt eine ganze Seite Fotos vom (einzigen?) Auftritt von Tiny Trash Und Die Neue Welt (mit E.A. Wehmer am Schlagzeug, Mattus am Bass und Locke an der Gitarre, Fotos von Andreas Kühne) - und dazwischen in ausgeschnittenen Buchstaben "SCHRECKlich! hollow SkAI HAT haarausFall!". Bei einem kurzen Scan durch mehrere Muzak-Ausgaben entdeckte ich auch wiederholte Nickeligkeiten meinerseits in Bezug auf Hollow/Holger Postscheck - ich vermute das beruhte ursprünglich auf einer Anmerkung im No Fun, dass Muzak ein No Fun-Abklatsch sei. Ich glaube, dass müssen wir beide mal therapeutisch aufarbeiten.

Ansonsten hätte mich eine Erwähnung des ersten No Fun-Festivals von Ende 1978 gefreut. Und wann die Ton-Cooperative Hannover ihr Studio in der Kornstraße hatte müsste ich mal nachforschen, ich kenne nur den Standort in der Hildesheimer Straße. Und angefangen hat die TonCoop laut discogs in Barsinghausen, obwohl die erste Kontaktadresse Hudeplan 12 in Hannover-Borum war.

22.4.26

Keine Lösung für Palästina

  • Iran, Hamas, Hisbollah und Huthi wollen die Vernichtung von Israel. Aber Israel ist nicht bereit, sich einer zweiten Shoa kampflos zu fügen.
  • Israel möchte Hamas und Hisbollah vernichten, aber auch wenn man Menschen tötet, die Ideen von Hamas und Hisbollah lassen sich nicht ausradieren, genauso wie auch heute noch Menschen Hitler und den Nationalsozialismus verehren.
  • Hamas und Hisbollah (sowie Iran und Huthi) können keinen Frieden mit Israel schließen, auch wenn es zu einer territorialen Einigung käme (2-Staaten-Lösung), weil sie damit ihre einzige Legitimation für ihre Existenz aufgeben würden.
  • Israel kann keinen Frieden schließen, weil Frieden territoriale Zugeständnisse verlangen würde, also die Aufgabe bisher besetzter Gebiete.
  • Eine Ein-Staatenlösung würde die Aufgabe besetzter Gebiete vermeiden, aber zu einem Zusammenleben der verschiedenen Bevölkerungsgruppen mit gleichen Bürgerrechten zwingen. Dies erscheint angesichts der wechselseitigen Erfahrungen seit 1948 und des erheblichen Anteils von Extremisten innerhalb der beiden größten Bevölkerungsgruppen (Juden und Muslime/Araber) unrealistisch.
  • Der Versuch der Vertreibung des jüdischen Bevölkerungsanteils würde zu einem militärischen Konflikt führen, der nicht nur die angrenzenden Staaten katastrophal im Mitleidenschaft ziehen würde. Zudem versteht sich Israel als Heimstatt aller Juden, es gibt keine andere Region auf der Erde, die historisch einmal einen jüdischen Staat beheimatet hat, und somit als ein Israel 2.0 sowohl von Juden als auch dem Rest der Welt akzeptiert würde.
  • Eine Vertreibung des arabischen Bevölkerungsteils wäre denkbar, wenn die benachbarten Staaten (Libanon, Syrien, Jordanien und Ägypten) ihre Weigerung, palästinensische Flüchtlinge zu integrieren, aufgeben würden. Eine Integration wäre allerdings schwer vorstellbar angesichts der teilweise selbst verschuldeten historischen Erfahrungen von Libanon und Jordanien, wo die Anwesenheit von palästinensischen Flüchtlingen zu massiven gesellschaftlichen Konflikten führte. Eine Vertreibung in andere Weltregionen ist aus den gleichen Gründen undenkbar wie dies bei einer Vertreibung der jüdischen Bevölkerung aus Israel wäre.
    Zudem würde eine solche Vertreibung (euphemistisch Umsiedlung) zu einer langfristigen Befriedung nur im Zusammenhang mit einem umfassenden Aussöhnungsprozess funktionieren, der sowohl die Shoa als historisches Fakt, als auch die Erfahrungen der Palästinenser seit Gründung des Staates Israel akzeptiert. Eine vergleichbare Aussöhnung nach dem zweiten Weltkrieg hat nur funktioniert, indem (West)Deutschland die totale militärische Niederlage sowie die Schuld am zweiten Weltkrieg akzeptiert hat. Allerdings ist eine Vertreibung der arabischen Bevölkerung nur unter massiven militärischen Einsatz vorstellbar, was alle Voraussetzungen für eine wünschenswerte Aussöhnung untergraben würde. Solange sich Juden und Muslime/Araber jeweils als Opfer und nicht als Täter (die Leiden der Väter und Mütter rechtfertigen nicht die Taten der Söhne und Töchter) verstehen ist eine Lösung des sogenannten Nahost-Konflikts nicht denkbar.

17.12.25

Keine Geduld, kein Verstand


...ach ja, die obere Klappe fehlt, aber Feuchtigkeit ist ja unschädlich für Papier...

7.12.25

Der verwirrte Widerstand

Am 29.11,2025 gab es in der Cumberlandschen Bühne im Schauspielhaus Hannover in der Reihe "Der fröhliche Widerstand" das Thema Chaostage. Im Nachhinein muß ich sagen, dass ich mit völlig falschen Erwartungen dort hingegangen bin, da Skai und Abelmann ihre Teilnahme dort als Teil der Promotion ihres Buches angekündigt hatten. Sie waren aber nur Staffage und Stichwortgeber. Als die Frage an Skai gerichtet wurde, wie denn Punk nach Hannover kam, und er antwortete, dass im Februar 1977 die Vibrators in der Glocksee aufgetreten seien, stürzte mein Verstand ab. Ein Funke mag ein Feuer auslösen, aber nur wenn es Brennstoff gibt. Ohne den Wunsch der damaligen Jugend nach etwas Neuem, dass ihrem Lebensgefühl Ausdruck verleiht, wäre der Auftritt der Vibrators sang- und klanglos in der Rock’n’Roll-Geschichte untergegangen. Und vielleicht ist er das auch, weil die Punk-Szene in Hannover sich ja langsam entwickelte und erst 1979 einen Ausdruck fand, der über das Private hinaus fand.
Auch sonst war diese Veranstaltung konfus, was ja schon damit begann, dass neben der "Zeitzeugin" (die 1984 nicht bei den Chaostagen, sondern im Kreissaal war) Annette Benjamin ein gewisser Don L. Gaspár Ali Gesprächspartner war, ein Kölner, geboren 1997, der also zeitlich (und räumlich) keine Verbindung zu den Chaostagen hatte – unabhängig davon, dass sich die Chaostage der 1980er Jahren nicht mit denen der 1990er Jahre vergleichen lassen. Auch wenn Gaspár Ali Sänger der Band Grenzkontrolle ist (die schon in der Carolin Kebekus-Show aufgetreten sind) glaube ich nicht, dass er zum Thema Punk aussagefähig ist, denn Punk von heute ist nicht der Punk der 1990er oder 1980er Jahre oder von seinen Anfängen, allein weil sich die Gesellschaft seit damals so sehr verändert hat, dass ein "widerständiges Verhalten" heute ganz anders aussieht als es damals sich ausdrückte – falls man Punk überhaupt auf den Begriff Widerstand reduzieren kann, bzw. sollte. Zur weiteren Konfusion trugen auch die beiden Moderator*innen mit ihren Fragen bei, so dass nie erkennbar war, was eigentlich das Ziel dieser Veranstaltung war.
Zwei Punkte möchte ich noch kurz ansprechen, und zwar hat Gaspár Ali zu Beginn der Veranstaltung ein paar Gedichte vorgetragen, in denen u.a. von Völkermord und seinen Gefühlen für die Kinder von Gaza die Rede war. Im Publikum waren Geräusche zu hören, als ob eine oder mehrere Personen daraufhin die Veranstaltung verließen. Später kam Gaspár Ali darauf zurück und fand es gut, dass auf Grund seiner Stellungnahme Leute gegangen seien. Ohne jetzt das Thema Israel/Gaza ausdiskutieren zu wollen kriege ich aber immer das Kotzen, wenn Musiker*innen den Überfall auf das Nova-Festival am 7. Oktober 2023 ignorieren. Weil dieser Überfall war nicht nur ein Attentat auf Menschen, die von den Angreifern als jüdisch gelesen wurden, sondern auch ein Angriff auf Musik an sich, ein Teil einer langen Tradition des Kampfes von Islamisten gegen Musik als Ausdruck menschlicher Freude (Taliban, Algerien, Iran usw.).
Am Schluss der Veranstaltung hat Benjamin von ihrer Teilnahme an der Buchpräsentation "Tanz auf dem Vulkan" erzählt, die von den Erfahrungen weiblicher Punks in der DDR erzählt. Ich persönlich bin ja etwas von den vielen Publikationen zu Punk in der DDR genervt. Das hat zum einen damit zu tun, dass es keine adäquaten "Heldengeschichten" aus Westdeutschland gibt (geben kann), denn hier gab es keine Diktatur und Stasi, sondern nur alte Opas und Omas, die einem hinterherriefen "Unter Adolf hätte es das nicht gegeben" und "Euch hat man wohl vergessen zu vergasen" – die Sprüche gab es sicher auch jenseits der Mauer. In der BRD ist niemand für bunte Haare und provokante Songtexte in den Knast gegangen, worüber wir eigentlich froh sein sollten, aber daraus lassen sich eben keine "Heldenerzählungen" konstruieren, auch wenn das jetzt zynisch gegenüber den Erfahrungen jenseits der Mauer klingt. Wie gesagt, langsam ist es jetzt genug mit dem Thema Widerstand in der DDR, ich möchte endlich mal eine vernünftige Aufarbeitung von Punk in Westdeutschland lesen und nicht nur die Erinnerungen von alten weißen Männern oder den woken Fanatismus der heutigen Kids. Dann fiel aber das Stichwort Jugendwerkhof und ich erinnerte mich an frühere Fernsehberichte zu dem Thema, wo es auch um die Einweisung von Mädchen wegen "sexueller Verwahrlosung" und "Triebhaftigkeit" ging, so dass mir klar wurde, dass es in dem Buch auch um sexuelle Erniedrigung von (nicht nur) Punk-Frauen durch die SED-Diktatur geht.
[Schweigen]
PS: Die aktuelle Single der Benjamins ist übrigen ziemlich gut und viel interessanter als die Youtube-Videos von Grenzkontrolle.

12.10.25

Nazis und Zios

Ja, ich verstehe schon die Botschaft dieses Grafitti, gestern Völkermord durch Deutschland, heute Völkermord durch Israel. Allerdings gibt es ein paar Unstimmigkeiten, deren sich der Urheber wohl nicht bewusst waren.
Von einem Volkermord durch die Nazis zu sprechen bedeutet ja in der Konsequenz die Realität des Holocaust anzuerkennen. Und dann müsste dem Urheber des Grafitti klar sein, dass sich das jüdische Volk nicht ein zweites Mal zur Schlachtbank führen lassen will, weshalb die israelische Armee eben mit aller Härte gegen diejenigen vorgeht, die sich die Auslöschung des jüdischen Volks auf die Fahne geschrieben haben. Hätte man sich bereits vor dem 7. Oktober 2023 denken können. Dass es so viele zivile Opfer in Gaza gibt hat übrigens auch Hamas selbst zu verantworten. Als faktische Regierung von Gaza gehört es selbstverständlich zu ihren Kernaufgaben, die eigene Bevölkerung gegen Gefahren von außen zu schützen (z.B. durch die zahlreichen Tunnel unter Gaza). Da sie dies nicht tut, ist sie zur Hälfte mitverantwortlich an dem Völkermord.
Eine zweite Interpretation wäre, dass die Bevölkerung von Gaza Hamas unterstützt, dann wäre die Bevölkerung auch ein legitimes Ziel der israelischen Armee.
Die andere Unstimmigkeit an dem Grafitti ist die Tatsache, dass der Völkermord der Nazis sich gar nicht gegen die Palästinenser richtete, vielmehr Palästinenser und Nazis Verbündete waren. So begrüßte der Großmufti von Jerusalem al-Husseini den Nazi-Boykott gegen jüdische Geschäfte 1933 und bot die Zusammenarbeit des palästinensischen Volks mit Nazi-Deutschland an. Später erhielt er Waffen aus Deutschland zwecks Aufstand gegen die britische Mandatsherrschaft und rekrutierte muslimische Soldaten für die Wehrmacht. Und so weiter und so fort einschließlich persönlichem Treffen mit Hitler am 28.11.1941.

2.10.25

Drohnen

"Der Unbesiegbare" (eigentlich "Der Unbesiegte" in präziser Übersetzung) ist ein Science-Fiction-Roman von Stanislaw Lem von 1964. Zuerst 1967 in der DDR in deutscher Übersetzung erschienen, 4 Jahre später in der BRD. An diesen Roman erinnerte ich mich anlässlich der kürzlichen Berichterstattung über die Entwicklung von militärischen Drohnen. In dem Roman wird ein Schwarm von fliegenden metallischen Partikeln beschrieben, die koordiniert alles Leben auf der Landmasse des Planeten angreifen und offenbar eine Kultur von Maschinenwesen ausgelöscht hat. Diese prophetische Vision sollte uns eine Warnung sein, wohin sich militärische Technologie entwickeln dürfte in Verbindung mit der sogenannten künstlichen Intelligenz, nämlich zu Drohnenschwärmen die selbständig Ziele suchen und den Ausfall einzelner Drohnen kompensieren können. Was die Frage aufwirft, wer für deren Handeln verantwortlich ist. Während bei autonomen Autos ja noch der Hersteller in Haftung genommen werden könnte weil er ein fehlerhaftes Produkt in den Verkehr gebracht hat, versuchen bereits die Entwickler von ChatGPT und Co. sich für die Fehler ihrer künstlichen Intelligenz aus der Verantwortung zu stehlen. Und das Militär ja in der Hinsicht außer Kontrolle. Schöne neue Welt, in der Maschinen selbständig über die Existenz/das Leben von Menschen entscheiden...

13.9.25

Parteien und Kapitalismus

Parteien verhalten sich heute oft wie Unternehmen. Und ihre Produkte sind ihre Positionen, mit denen sie gegen andere Politunternehmen antreten, jedenfalls bis zur nächsten Wahl. Nach der Wahl folgen dann nicht selten Korrekturen – weil gut verkäufliche Oppositionsstandpunkte auf realpolitische Notwendigkeiten treffen. (Markus Decker "Das Habeck-Paradox" Hannoversche Allgemeine Zeitung 6./7.9.2025).
Parteien sind auch schon deshalb Unternehmen, weil sie ihre Mitarbeiter*innen finanzieren müssen. Wahlniederlagen führen zu Jobverlusten, wie die FDP ja bereits mehrfach erfahren hat als sie die 5%-Hürde unterschritt. Die Folge sind Produktanpassungen nicht nur aus realpolitischen, sonder auch aus Marketinggründen, damit die nächste Werbekampagne erfolgreicher wird. Allerdings gestehe ich den sogenannten "Altparteien" einen gewissen politischen Gestaltungswillen zu, auch wenn die erreichte politische Macht zudem zur (persönlichen) Bereicherung genutzt werden kann (ich sage nur: CSU). Dagegen ist die AfD m.E. ein rein kommerzielles Unternehmen, dass in Teilen gar keinen politischen Gestaltungswillen hat, sonst würden sie an der politischen Diskussion mit halbwegs realistischen Vorschlägen teilnehmen, anstatt ständig auf Konfrontation zu gehen. Tatsächlich liest sich ihr Parteiprogramm eher wie etwas, das sich nur mit einer "Machtübernahme" realisieren lässt. Allerdings bezweifle ich, dass alle in der AfD eine solche Machtübernahme anstreben, weil dann wird der Machtkampf der verschiedenen Parteiflügel schmutzig (ich sage nur: Röhmputsch). Und so geht es der AfD mit ihrem Propagandabullshit nur um Wählerverarschung zum Abgreifen öffentlicher Gelder zur persönlichen Bereicherung. Was Angesichts des Unwillens der Altparteien, Parteiinteressen gegenüber dem Wohl der Allgemeinheit hintenan zu stellen, ziemlich erfolgreich ist.
Übrigens sind ja auch die (nicht öffentlich-rechtlichen) Medien kapitalistische Unternehmen, die auf Profite ausgerichtet sind (während es beim ÖR oft um den Machterhalt von Verwaltungen geht). Weshalb der Journalismus in dem Zwiespalt steckt, zum einen den Geschmack der eigenen Leser*innen zu bedienen, zum andern einigermaßen objektiv die Realität abzubilden, um die Leserschaft nicht zu persönlichen Fehlentscheidungen aus ideologischen Gründen zu führen.

11.6.25

PayPal

Nur eine Werbekampagne oder ein Angriff auf unsere Freiheit?
Harmlos oder hysterisch?

20.5.25

Ina May - Oldhorster Moor

Ich muß mal eine Liste machen, wie viele Kommissar*innen und Profiler*innen es in Hannoverkrimis gibt, ich vermute mal mehr als in Realität, aber das wird für Berlin und München genauso der Fall sein. Ich will damit nur abdeuten, dass sich bei mir die gelesenen und ungelesenen Hannoverkrimis stapeln, wobei ich den Hannoverbezug recht großzügig ausgelege. "Oldhorster Moor" spielt in Celle mit gelegentlichen Besuchen in der Pathologie der MHH. Das Positive an dem Buch ist, dass Ina May schreiben kann, der Krimi ist gut lesbar. Auch die Ideen in der ersten Hälfte sind interessant und teilweise überraschend. Allerdings warum muss es wieder um eine Profilerin mit einem Trauma aus der Jugend und einen Serienmörder gehen? Ich komme irgendwie nicht damit klar, dass die Beschreibung der Örtlichkeiten realistisch angelegt, die Verbrechen aber so unrealistisch sind (was natürlich auch für die vielen Fernsehmorde gilt). Die Taten, über die in der Tagespresse berichtet wird, haben viel banalere Motive (Beziehungsprobleme, Streit um Geld) als uns Drehbuch- und Krimiautoren erzählen wollen. Wobei in "Oldhorster Moor" das Motiv der Taten gar nicht das Thema ist. Gegen Ende des Buches wird es hektisch und doch sehr unrealistisch. "Oldhorster Moor" ist kein Fehlgriff, aber auch kein Glanzlicht.

10.4.25

Bezirksrat Südstadt-Bult 2025

Es ist schon bezeichnend, dass ich mich erst mehrere Wochen nach den Bezirksrats-Sitzungen vom Februar und März hinsetze, um über diese zu schreiben. Das liegt nicht nur an den Themen der jeweiligen Veranstaltungen, die eher von lokalem als darüber hinaus gehenden Interesse waren. Irritierend ist auch das mehr oder minder komplette Desinteresse der Bürger*innen von Südstadt und Bult an den Sitzungen, am Ende bin ich fast der einzige Zuhörer (Immerhin die Pressevertreterin geht nicht mehr ganz so früh wie ihr Vorgänger). Auch so stirbt die Demokratie in Deutschland. (Ich könnte jetzt an dieser Stelle den Songtext "Der Deutsche" von Kosmonautentraum zitieren…) Ich denke, ich werde in Zukunft auf weitere "Berichterstattung" verzichten, mir aber den gelegentlichen Unterhaltungswert dieses "Theaters" (an den Wortgefechten haben die beteiligten Politiker*innen offenbar selbst Spaß, auch ohne Publikum, und irgendwie schaffen einige es nicht, aus ihren parteipolitischen Rollen auszubrechen und nur "vernünftig" zu beantragen und zu kritisieren) nicht verkneifen. Wer wissen will, was im Bezirksrat diskutiert und entschieden wird, soll selbst kommen. Mehr Eigeninitiative wagen und nicht erst aufschreien, wenn das Kind schon in den Brunnen fällt. Der deutsche Sozialstaat ist Valium für die Bürger!

Okay, was waren die Themen in den beiden vergangenen Sitzungen? Es ging um die Schulen im Stadtbezirk, um Baumängel (Feuchtigkeit und Netzwerkprobleme), Überbelegung und geplante Maßnahmen, das ukrainische Schüler*innen nach der 10. Klasse fast immer keinen Schulabschluss erhalten, weil sie wegen der Sprachdefizite mindestens in 3 Fächern "mangelhaft" haben, sowie um die Neugestaltung des Spielplatzes am Bertha-von-Suttner-Platz. Daneben gab es wieder die üblichen Anträge zu den Themen Verkehr wie Bushaltestellen und bauliche Maßnahmen zur Verbesserung der Verkehrssicherheit. Und Sauberkeit. Und den kommenden jahrelangen Umbau der Geibelstraße wegen Leitungsarbeiten, Fernwärme und Neugestaltung. Dazu soll dann der Stadtbaurat in der Mai-Sitzung gegrillt werden. Beide Sitzungen endeten erst nach 22.00 Uhr.

Sollte nach der nächsten Kommunalwahl die AfD wieder in den Bezirksrat einziehen oder sonst etwas Wichtiges passieren melde ich mich wieder.

Sitzungsunterlagen Februar | Protokoll

Sitzungsunterlagen März | Protokoll

6.4.25

Punk Rules

Es sei darauf hingewiesen, dass die "positive force" in den 1980er Jahren als "Bewegung" innerhalb der Punk-Gemeinschaft konzipiert wurde und den 90er Jahren. Die Aktivistengruppe "positive force" wurde von der Punkband 7 Seconds aus Reno, Nevada, ins Leben gerufen und schloss viele andere Bands, vor allem von der Ostküste, mit ein. Sie versuchten, untereinander eine "Bewegung" zu gründen, die bestimmte Verhaltensweisen vorschreibt, wie z. B. ‚Straight Edge' (Ablehnung von Alkohol und Drogenkonsum) und ein Leben nach einer Reihe von "humanen Werten". Aber diese Bewegung hat nicht wirklich in der sich schnell ausbreitenden Punk-Rock-Welt eine allgemeine Akzeptanz gefunden. Und warum sollte sie auch? Die meisten Menschen wollen unterhalten werden und nicht gesagt bekommen, was sie tun sollen. Sie wollen Musik, keine vorgeschriebenen Listen über angemessenes Verhalten. Punk ist nun einmal eine Form der Unterhaltung. Es ist keine soziale Technik. Wenn Punk-Fans gesagt bekommen wollten, wie sie leben, wie sie denken sollen, was "angemessenes Verhalten" ist, könnten sie in die Kirche gehen oder eine religiöse Sekte gründen, genau das, wogegen Bad Religion die ganze Zeit angetreten ist.

Greg Graffin in "Punk Paradox" (2022)

29.1.25

10 Jahre Hannover UNESCO City Of Music

Jetzt also UNESCO City of Music, nachdem Hannover gemerkt hat, dass die bisherigen Imagekampagnen ("wir sind nicht langweilig") teilweise kontraproduktiv waren. Allerdings scheint es so, als dass dieser neue Versuch eines Stadtimages nicht sorgfältig vorbereitet wurde. Hollow Skai hat sich dazu in seinem Skai Report ja ausführlich ausgelassen. Nun ist Kritik dann hilfreich, wenn sie einen eigenen Standpunkt, vom dem aus gemosert wird, erkennen lässt. Daher hier nun der Versuch, ein paar positive Gedanken zu dem Thema zu entwickeln.
Es hat den Anschein, also ob das Thema UNESCO City of Music erst zum 10jährigen Jubiläum in der Stadtverwaltung wieder erinnert wurde, jedenfalls hat es nach meiner Beobachtung in den letzten Jahren dazu keine Aktivitäten gegeben, die unter dem Logo der UNESCO stattfanden. Der nun eröffnete Musikkiosk ist erkennbar ein Beispiel für einen fehlenden Masterplan zu dem Thema. Einfach einem kleinen Eckladen bunt einrichten gibt zwar ein hübsches Fotomotiv, aber mehr als Kartenvorverkauf und ein paar sinnlose Ausstellungsstücke bietet der kleine Laden nicht. Was soll uns eine Gitarre von Klaus Meine, der Sänger und nicht Gitarrist der Scorpions ist, sagen? Wenn es um ikonische Musikinstrumente aus Hannover geht, hätte es schon eine Flying V von Rudolf Schenker sein müssen, aber dann stände da auch dauernd ein grimmig dreinschauender Security-Typ daneben. Ein paar Bücher zum Blättern und eine willkürliche Schallplattenauswahl vom Rockers-Laden zum kaufen - nicht zum anhören - sind doch einfach nur peinlich. Peinlich auch, dass es (noch) keinen (neuen) Bürgerfunk gibt, der sich schwerpunktmäßig um Musik aus Hannover kümmern könnte.
Nun ist das grundsätzlichen Wesen von Musik, dass sie sich der bildlichen Darstellung entzieht. Denn Musik ist Zeit. Musik ist eine Abfolge von Tönen und wenn ein Ton erklingt, ist der vorherige Ton schon Vergangenheit und nicht rückholbar (während ein Bild trotz Zeitablaufs sich nicht verändert). Wie also etwas feiern, dass sich der typischen musealen Präsentation entzieht? Am sinnvollsten wäre es natürlich Musik durch ihre Aufführung selbst zu feiern, was aber meistens Geld kostet: GEMA für alle Komponisten, die noch keine 70 Jahre tot sind, sowie Entlohnung für die ausführenden Künstler*innen, ob live oder vom Tonträger (GVL). Und Musikveranstaltungen finden ja tagtäglich weltweit statt, sind also kein Spezifikum von Hannover, genauso wie die Fête de la Musique. Was ist also das spezifische der Musik aus Hannover, die zum Titel UNESCO City of Music berechtigt?
Vielleicht sollte noch mal daran erinnert werden, weshalb Hannover diesen UNESCO-Titel erhalten hat: "One catalyst for the application was a study from Hamburg from 2009. It showed that in terms of localisation coefficients, Hannover is the number one music destination in Germany where most people are employed in the music industry compared to the number of people employed in the music industry in Germany as a whole." Es geht also um Technologie und Ökonomie, nicht um Kultur. Tatsächlich kann man nicht sagen, dass Musik aus Hannover grundsätzlich eine Eigenständigkeit ausweist, die sie von anderen Musikkulturen, auch aus den deutschen Nachbarstädten, unterscheidet. Wir reden hier nicht von einzelnen Interpreten, sondern von der ganzen Musikszene über einen möglicherweise jahrelangen Zeitraum, etwas in der Dimension von Grunge, Britpop oder dem Sound of Munich. Wenn es um Technologie geht wäre ein Museum zu Musiktechnik und Musikinstrumenten (Rockinger und Duesenberg) eine Idee. Wenn es um Ökonomie geht wäre ein regelmäßiges Branchentreffen ein Idee. Gibt es aber beides nicht in Hannover. Musikhochschulen und Konzertlocations gibt es auch in anderen Städten. Wo ist also der USP von Hannover?
"Musik ist die perfekte Erinnerung, kein Foto schafft das" sangen Mythen in Tüten 1981 auf ihrer LP "Die Neue Kollektion" und vielleicht ist das eine Möglichkeit, zumindest zu behaupten, dass die Liebe zur Musik ein Markenzeichen der hannöverschen Stadtgesellschaft sei, dass hier die Liebe zur Musik im Gegensatz zu anderen Städten tief verwurzelt wäre (bürgerliche Hausmusik anybody?). Zeigen ließe sich das vielleicht mit einem großen Anteil von Laien am Musikgeschehen, sowohl aktiv als auch passiv, z.B. durch finanzielle/organisatorische Unterstützung, aber Erinnerung lässt sich vielleicht auch durch eine (populär)wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Thema dokumentieren (es gibt da die Schriftenreihe der HMTMH "Jahrbuch Musik und Gender" - und was ist eigentlich aus dem Magazin Saitensprung geworden?). Es gab einige Versuche von Musikzeitschriften in Hannover, aber nichts von Dauer. Vielleicht wäre ein neuer Versuch ein geeigneter Ansatzpunkt, aber eher so was wie eine deutschsprachige Version von den wissenschaftlichen Publikationen "Rock Music Studies" und "Punk & Post-Punk" mit Schwerpunkt auf die Geschichte der Musik in Hannover durch die Jahrhunderte und Stile. Gerade Interviews mit älteren Musiker*innen können durchaus aufschlussreich sein, wie sich das Musikgeschäft über die Jahre gewandelt hat (mich persönlich würde ja die ökonomische Seite der in vielen Musikzeitschriften hochgejubelten und schnell vergessenen Kapellen interessieren). Oder wie wäre es mit einer Art Wikipedia zur Musik aus Hannover, eine Dokumentation der lokalen Szene und ihrer Tonträger und anderen Aktivitäten (ein Wiederaufgreifen der Idee von www.german-rockhistory-hannover.de, bzw. etwas ähnliche wie www.rockinberlin.de)?

26.12.24

Bezirksrat Südstadt-Bult Dezember 2024

Warum tue ich mir das an? So richtige Unterhaltung ist das nicht, auch wenn ich mich frage, ob meine Anwesenheit bis zum bitteren Ende des öffentlichen Teils das Verhalten der Politiker*innen beeinflusst oder nicht. Zumindest erhält man manchmal nützliche Informationen wie die baldige Einführung der blauen Tonne für Papierabfälle, was bedeutet dass ab Mitte 2025 blaue Säcke und Kartons nicht mehr von der Müllabfuhr mitgenommen werden und schon jetzt die Supermärkte von AHA keine neuen Sacklieferungen erhalten. Einige Tage später kaufte vor mir an der Supermarktkasse eine Frau 2 Rollen blaue Säcke. Ich erwähnte, was ich im Bezirksrat gehört hatte, woraufhin sie hysterischerweise noch mal 10 Rollen kaufen wollte. Mal sehen, wann meine Hausverwaltung die blaue Tonne bestellt und wie lange noch mein Vorrat an gelben Säcken reicht. Denn eines ist sicher, ich werde nicht für jede einzelne Verpackung oder einzelnen Werbezettel vor die Haustüre gehen.

Die Dezember-Sitzung war mit etlichen Abwesenden knapp beschlussfähig. Dem fiel ein Dringlichkeitsantrag zum Seniorenbüro Bult zum Opfer, dem zur Behandlung alle Anwesenden hätten zustimmen müssen (2/3 aller Bezirksratsmitglieder, nicht bloß der Anwesenden), was aber nicht geschah. Ebenso liegen wegen Mangel an städtischem Personal noch immer keine Protokolle der letzten Sitzungen vor. Als nächstes gab es eine Vorlage der Verwaltung zur Umgestaltung der Rasenfläche neben dem Haus der Religionen anlässlich des kommenden Kirchentags. Danach kamen die schon erwähnten Informationen zur Einführung der blauen Tonne.

Die Sinnhaftigkeit der Anhörung zum Thema "Gewalt gegen Frauen im Stadtbezirk" hat sich mir nicht ganz erschlossen, handelt es sich doch um kein spezifisches Problem von Südstadt-Bult. Weder die eingeladenen Institutionen noch die verschiedenen Fachabteilungen der Stadtverwaltung konnten hier spezifisches zum Stadtbezirk mitteilen. Was nicht heißen soll, dass die 1 ½ Stunden der Anhörung langweilig waren, aber m.E. hätte das Thema in ein Forum mit mehr Breitenwirkung gehört.

Bei Durchsicht meiner Notizen kann ich inzwischen nicht mehr nachvollziehen, weshalb diese Sitzung fast 4 Stunden gedauert hat Okay, verkehrspolitisch haben ja die Bezirksratsfraktionen unterschiedliche Vorstellungen, aber wenn die SPD die Wiedereinrichtung von Fahrradstraßen fordert, die sie im letzten Jahr noch abgeschafft hat, denn besteht natürlich Redebedarf. Ebenso wenn mal wieder etwas nach einem Mann benannt werden soll, in diesem Fall ein Hain (= kleiner lichter Wald).

Sitzungsunterlagen Dezember | Protokoll

28.11.24

Bezirksrat Südstadt-Bult November 2024

Das Beste kam zum Schluß, ein Antrag der Vertreterin von Die Partei, auf das die Verwaltung im Stadtbezirk nach Räumlichkeiten als Ersatz für das KOPI suchen solle. Das KOPI ist der Punker-Treff in der Kopernikusstraße, der von der Bundesbahn gekündigt wurde wegen Erweiterung der Gleisanlage. Ich weiß nicht ob das KOPI noch im Stadtbezirk Vahrenwald liegt oder schon zur Nordstadt gehört, jedenfalls aus diesem Grund kam es sogleich zu einem Geschäftsordnungsantrag der FDP auf Nichtbeschäftigung, weil das KOPI nicht im eigenen Stadtbezirk liegt. Dem stimmte die Mehrheit nicht zu, weil die Stadtverwaltung ja laut Antrag ausdrücklich in Südstadt-Bult suchen soll. Die CDU mäkelte sodann, das es im Stadtbezirk ja nicht mal ein eigenes Jugendzentrum gäbe, weshalb dann eines für die Punks gesucht werden solle? Der Antrag fand aber trotzdem eine Mehrheit, wobei meines Erachtens die Suche sinnlos ist, weil die Besucher*innen des KOPI wohl zumeist selbst in der Nordstadt leben, weshalb sie kaum durch die halbe Stadt reisen würden, wenn es hier Ersatzräumlichkeiten gäbe. But you'll never know.

Ansonsten ging viel Zeit drauf für die Präsentation der Ergebnisse der Sicherheitsbefragung der Bürger*innen von Hannover. Südstadt-Bult werde weiterhin als sicherer Stadtbezirk wahrgenommen, aber insgesamt habe das Sicherheitsgefühl schon abgenommen, insbesondere in der Innenstadt und nachts (stetig rechte Propaganda-Tropfen höhlen eben den Stein). Dem widerspricht jedoch die Statistik, wonach die Anzahl gemeldeter Rechtsverstöße relativ stabil bis leicht abnehmend sei. Nur in der Innenstadt steige die Kriminalitätsrate. Neu sei aber, dass gerade bei jungen Leuten das Angstgefühl zugenommen habe, insbesondere vor jungen Leuten am Raschplatz. Weshalb auch die beiden Waffenverbotszonen Steintor und Raschplatz jetzt zu einer Waffenverbotszone für die gesamte Innenstadt zusammengefasst werden sollen, zudem sollen 25 weitere Stellen für den städtischen Ordnungsdienst geschaffen werden. Auch soll es ähnlich den Kontaktbereichsbeamten der Polizei "Ordnungsbotschafter" für die einzelnen Stadtteile geben. Und während früher die Knöllchen für Parkverstöße als Abzockerei galten werde jetzt von den Bürger*innen mehr Verkehrsaußendienst gefordert. The times they are a-changing.

Der Rest waren wieder finanzpolitische Entscheidungen, entweder auf Antrag der Stadtverwaltung oder aus eigenen Mitteln des Stadtbezirksrats: alles einstimmig. Und wieder jede Menge Anfragen und Anträge zu Verkehrsthemen wie Ampeln, Bushaltestellen usw. Und es ging um Telefonzellen, Hundekotbeutelmülleimer, Tannenbaumsammelplätze und ein kinderfreundliches Maschseefest. Nicht alles wurde einstimmig beschlossen, aber nichts abgelehnt, einiges allerdings auch in die Fraktion gezogen. Damit stehen dann auch schon die Themen der nächsten Sitzung im Dezember fest.

Sitzungsunterlagen November | Protokoll

17.10.24

Bezirksrat Südstadt-Bult August und September 2024

Was, schon wieder 2 Sitzungen noch nicht kommentiert? Zwar sah der Plan noch eine Sitzung im Juni vor, aber das war ein Vorbehaltstermin, der nur stattgefunden hätte, wenn es eine wichtige Vorlage der Stadtverwaltung gegeben hätte. Hatte es aber nicht.

Eigentlich dachte ich das Thema Fahrradstraßen in der Südstadt wäre durch, aber überraschenderweise hatte sich die SPD selbst nochmal Gedanken zu dem Thema gemacht und kam mit 11 Anträgen mit Änderungswünschen zu den ursprünglichen Plänen der Stadtverwaltung, wozu es noch 3 grüne Änderungsanträge gab. Es ging um Modalfilter (bauliche Maßnahmen, die nur bestimmte Verkehrsmittel durchlassen), Fahrradaufstellstreifen, Grünpfeile, die Verlegung von Parkplätzen und immer wieder Fahrradbügel. Die CDU war irritiert, dass eine abgeschaffte Fahrradstraße wieder eingeführt werden sollte. Das meiste fand in unterschiedlicher Anzahl Zustimmung, wobei einzelne Anträge sogar Satz für Satz abgestimmt wurden. Mal sehen, wie die Verwaltung sich dazu positioniert.

Ansonsten beantragte die SPD noch eine Anhörung zum Thema "Gewalt gegen Frauen im Stadtbezirk". Die CDU möchte eine Radservice-Station, so eine Art öffentlich zugänglicher Werkzeugkasten, und die weiteren Anträge aus dem Bezirksrat drehten sich mehrheitlich um Verkehrssicherheit. Von Seiten der Verwaltung gab es eine längere Präsentation zum kommunalen Wärmeplan und Änderungen an der Fernwärmesatzung. Entscheiden wollte der Bezirksrat das Thema aber noch nicht. Die in der letzten Sitzung umfangreich "diskutierte" Vergabe eines Platzes auf der Sportanlage des Post SV wurde mehrheitlich durchgewunken, hatten sich die Streitparteien doch in der Sommerpause auf eine gemeinsame Nutzung geeinigt. Verwaltungsvorlagen zu den Schulen im Stadtbezirk gehen eigentlich immer unproblematisch durch, ebenso die Vergabe der eigenen Gelder des Bezirksrats.

Der September-Termin war dann ein Haushaltstermin, d.h. es gab keine Anfragen und Anträge der Fraktionen, bzw. nur Änderungswünsche zum vorgelegten Haushaltsplanentwurf für die Stadt Hannover. CDU und FDP legten keine eigenen Änderungsanträge vor, weil die ja immer von Rot-Grün im Rat abgelehnt würden. Was aber idiotisch ist, weil ja im Augenblick im Rat die SPD gemeinsame Sache mit CDU und FDP macht und die Grüne trotz größter Fraktion (einschließlich einiger Übertritte aus der SPD) und grünem Oberbürgermeister faktisch in die Opposition gedrängt wurden. Es gab auch keine Anträge der SPD, nur welche von Bündnis 90 Die Grünen. Allerdings gab es Protest von der SPD, dass sie von den grünen Änderungsanträgen erst am Sitzungstag erfahren hätten und sich daher vor der Sitzung nicht mehr beraten konnten. Offenbar lag das Problem auf Verwaltungsseite wegen des Ausfalls von Mitarbeiter*innen. Eingebracht wurden die Anträge aber trotzdem und nach einer Sitzungsunterbrechung zwecks fraktionsinterner Beratung auch abgestimmt. Einige Anträge waren unbeziffert, etwas, was in früheren Jahren auch häufiger bei CDU-Anträgen zum Stadt-Haushalt der Fall war und dann von SPD und Grünen der Opposition als fehlerhaft vorgeworfen wurde. Diesmal waren die Rollen vertauscht, was allerdings die Grünen zurückwiesen, weil es formal keine Änderungsanträge zum Haushalt seinen, sondern Haushaltsbegleitanträge. Diesen Diskussionen zuzuhören ist teilweise lustig, teilweise masochistisch, trotzdem haben die Sitzungen mehr Interesse seitens der Bürgerschaft verdient. Nur wer weiß wie Demokratie funktioniert, kann politisch kompetent mitreden. Und meine Blogeinträge sowie einige Zeitungsartikel können den Inhalt der Sitzungen nicht vollständig wiedergeben (was auch nicht meine Absicht ist).

Zum Rest der Sitzung: irgendwas war bei der geplanten Information oder auch Anhörung über die finanzielle Lage der kulturellen und sozialen Einrichtungen im Stadtbezirk schiefgegangen, weshalb das Thema in den November verschoben wurde. Es gab mal wieder ein ausgeschiedenes und ein neu verpflichtetes Bezirksratsmitglied (gibt es überhaupt noch genügend Nachrücker*innen?), der kommunale Wärmeplan nebst Satzungsänderung wurde durchgewunken, die Anträge zu eigenen Finanzmitteln sowie der Antrag aus dem Integrationsbeirat (Geld für Weihnachtsgeschenke für die Kinder in den Flüchtlingsunterkünften im Stadtbezirk - auch im Integrationsbeirat gab es einen Mitgliedswechsel) einstimmig verabschiedet, sowie 2 liegengebliebene Anträge zu Fahrradbügeln entschieden (einmal Ja, einmal Nein). Die nächste Sitzung wird wohl mit 2 Anhörungen wieder sehr lang, wobei die Ergebnisse der Anhörung über die finanzielle Lage der kulturellen und sozialen Einrichtungen im Stadtbezirk dann wohl für die Haushaltsberatungen auf Stadtebene zu spät kommen.

Sitzungsunterlagen August | Protokoll

Sitzungsunterlagen September | Protokoll

27.9.24

Hannover - ein Punk-Schwindel?

Der nachfolgende Text ist eine Reaktion auf das Interview mit Horst Illing in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung anlässlich der Wiederveröffentlichung der zweiten Rotzkotz-LP "Lebenfroh + Farbenfroh". Überschrieben mit "Der große Punk-Schwindel" beschreibt Illing die Musik von Rotzkotz als "Trash-Garagen-Beat" und bestreitet, dass Hannover eine Punkmetropole gewesen sei: "Es war eher ein Konstrukt von Leuten, die behauptet haben, Hannover sei die Punkhauptstadt, aber wir haben das anders wahrgenommen. Wir haben zwar den punkigsten Namen von allen, aber wir haben uns nicht als Punks empfunden."

War Hannover eine Punkmetropole? Das kommt auf den Blickwinkel an, was man unter Punk versteht. Michael Polten, Gitarrist von Hans-A-Plast, meinte damals im Interview, noch vor Erscheinen der ersten LP, das die Band-Mitglieder sich nicht als Punks bezeichnen würden. Ihre Musik beschrieb er als "schnelle Rockmusik mit deutschen Texten" und die von Rotzkotz als "schnelle Rockmusik mit englischen Texten". Der Hintergrund war, dass der englische Punk, sofern er nicht gleich von der Presse wegen der Verwendung von Hakenkreuzen als faschistisch diffamiert wurde, als ein soziales Phänomen interpretiert wurde, als Musik der englischen Arbeiterklasse, und Arbeiterklasse waren die Mitglieder von Hans-A-Plast eben nicht. In den letzten 40 Jahren hat sich aber herausgestellt, dass die englischen Punks zumeist keine Mitglieder der Arbeiterklasse waren. So stammten die Sänger von The Clash und Generation X, Joe Strummer und Billy Idol, aus Diplomatenfamilien. Möchte man das Narrativ vom Arbeiterklassenrock aufrecht erhalten käme man wohl zu dem Ergebnis, dass es kaum Punkbands in (West)Deutschland gab und noch immer nicht gibt.

Dass die Idee von Punk in (West)Deutschland auf fruchtbaren Boden fiel, hat viel mit dem damaligen kulturellen und politischen Klima zu tun, dass von Zukunftsangst und den Folgen des "deutschen Herbstes" geprägt war, verbunden mit einer eher uniformierten Jugendkultur, geprägt durch lange Haare, Bundeswehrparkas und den Marsch durch die Institutionen. So war das Aufbegehren der von Punk infizierten Jugendlichen zu einen ein Aufbegehren gegen die Welt der Erwachsenen, die die Zukunft ihrer Kinder immer noch verplanen wollte ("euch soll es einmal besser gehen als uns" - ein Versprechen, dass sich aus heutiger Sicht als Selbstbetrug erwiesen hat), sowie gegen die vorangegangenen, damals ebenso uniformierten Jugendkulturen zusammen mit die Jugendlichen duzenden Sozialarbeitern. Hier war das gelegentlich verwendete Hakenkreuz ein Mittel der Provokation, aber kein Ausdruck politischer Gesinnung. Denn tatsächlich war den Menschen damals - bis in die 1970er Jahre - die politische Gesinnung quasi an ihrer Kleidung anzusehen. Und so wie ein Punk sah kein Alt- oder Neonazi aus, zumal diese sich auch nicht trauten, das Hakenkreuz offen zu zeigen.

Was dagegen gerne übersehen wird ist das geringe damalige Interesse der Medien an Jugendkulturen und der dazu gehörigen Musik. Und wenn über Punk berichtet wurde, dann waren die Artikel zumeist negativ. Ein typisches Beispiel ist der Titel des Spiegels vom Januar 1978 "PUNK - Kultur aus den Slums: brutal und häßlich", auf dem natürlich ein Hakenkreuz nicht fehlen darf. Informationen über Punk drangen nur bruchstückhaft, oft verzerrt, über den Kanal und den Atlantik nach (West)Deutschland, was dazu führte, dass viele Jugendliche und junge Erwachsene ihre jeweils eigene Interpretation von Punk erschufen, wobei auch Punk in London und New York so gar nicht den später verbreiteten Klischees entsprach, von wegen Lederjacken, bunte Haare und Irokesenhaarschnitt. So gab es denn viele Möglichkeiten, sich auffällig zu kleiden und zu verhalten und so in Widerspruch zur versteinerten Gesellschaftsetikette zu treten. Was auch damals noch gelegentliche Reaktion wie "Ihr gehört ins Arbeitslager" oder "Euch hat man wohl vergessen zu vergasen" provozierte. Das wichtigste aber war die Idee, selbst zu handeln, selbst ein Fanzine herauszugeben, Kleidung zu verändern oder Musik zu machen. Und weil die musikalische Entwicklung auch in London und New York nicht stehenblieb gab es immer neue Inspirationen, Musik jenseits der ausgetretenen Pfade zu machen. Verbunden mit neuen billigen Musiktechnologien und deutschen Texte ergaben sich vielfältige Klangmöglichkeiten. Das wurden dann die Wurzeln der Neuen Deutsche Welle und in dieser Hinsicht ist die zweite LP von Rotzkotz ein typisches Produkt dieser Zeit, auf dem Weg zu einer eigenen musikalischen Sprache. Und somit auf jeden Fall ein Punk-Produkt im weiteren Sinne.

Bleibt man aber bei der damaligen Definition von Punk - die sich aus heutiger Sicht als Fehlinterpretaion herausgestellt hat - so waren höchstens Blitzkrieg, aus denen später die Boskops wurden, eine Punkband in Hannover. Nicht einmal die Abstürzenden Brieftauben erfüllen das Kriterium des Arbeiterklassenrocks. Und ob es in Berlin, Hamburg oder Düsseldorf in dem Sinne "echte" Punkbands gab darf bezweifelt werden. Das ist auch egal, denn das ewige Verdienst von Punk, bevor er in den 1980er Jahren zur Karikatur seiner ursprünglichen Idee wurde und sich in die subkulturelle Nische zurückzog, ist der erfolgreiche Angriff auf die damaligen gesellschaftlichen Regeln. Ohne diesen Erfolg hätten wir heute nicht diese Vielfalt an Ausdrucksmöglichkeiten der Subkulturen und Menschen jeglichen Alters in Deutschland und überhaupt nicht nur in der westlichen Welt. Dieses Aufbegehren hat die menschliche Gesellschaft genauso verändert wie die viel gelobten 1960er Jahre. Dass danach der Generationenkonflikt an Schärfe verloren hat ist ein anderes Thema.

8.8.24

Europawahl Nachlese

Lustig dass immer noch Plakate von der Europawahl von vor 2 Monaten hängen. Aus diversen Gründen hatte ich diesmal keine Lust, Wahlplakate zu dokumentieren, unter anderem weil sie alle ein Haufen Müll waren. Nicht Europa war das Thema, sondern Deutschland – kein Wunder dass sich die Unzufriedenheit mit der derzeitigen Regierung im Wahlergebnis niederschlug. Insgesamt - außer einigen Kleinparteien - scheint sich die bundesdeutsche Politik nicht um Europa zu kümmern, bzw. alles was schief läuft Brüssel anzulasten, auch die eigenen Fehler.
Exemplarisch steht dafür dieses FDP-Plakat, dass dem Gedanken von Europa total widerspricht. Wer mit anderen zum gemeinsamen Nutzen zusammenarbeiten will muss dafür einige Freiheiten aufgeben und sich gemeinsame Richtlinien geben. Aber offenbar hält es die FDP genauso wie Viktor Orbán: nur nehmen und nichts geben.
Das SPD-Plakat zeigt nur, dass die Partei gar keinen Plan hat. "Gegen Hass und Hetze", das hätte auch die AfD plakatieren können so als angebliches Opfer der globalistischen Staatsorgane. So sad, so sad...