Yo, 50 Jahre Punk, jetzt kommen die Musik- und Kulturredaktionen aus der Deckung und arbeiten ihre Zettelkästen ab mit all den Stichworten, die sie in den letzten 50 Jahren aufgesammelt haben, um alte Klischees wiederzukäuen und neue Klischees zu erfinden, anstatt selber zu recherchieren und nachzudenken. Zu verklebt ihre Gehirne.
50 Jahre Punk, aber welcher Punk? Okay Sommer 1976 könnte für die Londoner Szene passen, deren ersten Vinylprodukte dann zum Jahresende kamen. Aber eigentlich war es ja der Sommer 1977 in London mit dem Silberjubiläum der Queen und "God Save the Queen" von den Sex Pistols. Oder war da Punk schon wieder vorbei, weil aus der Geheimgesellschaft eine Massenbewegung wurde?<(p>
Aber ist London allein der Maßstab für Punk? Was ist mit New York (und Los Angeles)? Die Ramones gab es schon seit 1974, ihre erste LP erschien im April 1976 und war viel mehr die musikalische Blaupause für Punk als die Sex Pistols, die ja das Etikett Punk für sich selbst ablehnten. Abgesehen davon lässt sich ein Ursprung von Punk zeitlich gar nicht richtig festmachen, war Punk doch eigentlich keine Neuerfindung, sondern das Ergebnis einer musikalischen Entwicklung, zu der in England Glam- und Pubrock, aber auch das Rock'n'Roll-Revival der 1970er Jahre gehörte. Lieber wird auf die Vorläufer aus den USA geschaut als da wären Velvet Underground mit Lou Reed, die Stooges mit Iggy Pop und MC5 aus Detroit, Heimat von Alice Cooper und Suzi Quatro, nicht zu vergessen der ganze amerikanische Garagenrock als Reaktion auf die British Invasion, der schon damals als Punk gelabelt wurde. Und so war Punk auch nur ein Zwischenstopp, bzw. Inspiration, wenn man sich überlegt, wer zu dieser Zeit alles ans Tageslicht kam, Phänomene wie Residents und Chrome, Pere Ubu und Devo, und wie bunt war eigentlich die New Yorker Szene mit Blondie, Television, Talking Heads und Suicide? Und wie schnell sich die englische und amerikanische Szene mit Hilfe von billiger Elektronik und Krautrock ausdifferenzierte zu dem, was heute alles als Post-Punk bezeichnet wird.
Will sagen, Punk musikalisch an bestimmten Stilistiken festzunageln ist ziemlich schwierig. Offensichtlicher ist es, Punk als ein Phänomen des öffentlichen Auftretens, des Bruchs mit bürgerlichen Konventionen zu interpretieren - oder wie Diedrich Diederichsen es sagen würde: Punk befreite die Zeichen von ihrer Bedeutung. Vorher konnte man die Menschen an ihrer Kleidung erkennen, danach war die Gewissheit, aus dem Aussehen auf den Inhalt schließen zu können, dahin. Und da dürfte wohl eher das Jahr 1977 das richtige Jubiläum sein. Okay, einigen wir uns auf den 1. Dezember 1976, als die Sex Pistols und einige ihrer Freunde zu Bill Grundy ins Fernsehen eingeladen wurden.
Aber was ist mit Westdeutschland, wann können wir hier 50 Jahre Punk feiern? Interessanterweise ist der westdeutsche Punk kein Meilenstein in der Entwicklung von westdeutscher Rock- und Popmusik, sondern ein gezielter Bruch. Es gibt keine westdeutschen musikalischen Vorläufer für Punk, nicht mal Ton Steine Scherben (ja ich weiß, S.Y.P.H. waren Fans von Can). Der westdeutsche Punk funktionierte komplett als Übernahme von musikalischen Formen aus England und den USA. Das war aber kein Einzelfall, so haben die Jugendkulturen in Westdeutschland seit 1945 funktioniert. Es gab die Schlagerwelt für Erwachsene und die Rebellion der Jugend dagegen, zuerst mit amerikanischem Rock'n'Roll, danach mit englischer Beatmusik. Dann kam die komplette Neuerfindung Ende der 1960er Jahre, die absolute Negation der Schlagerwelt durch elektronische Musik (wobei man bei den entwickelten Klängen durchaus eine Bezugnahme auf musikalische Traditionen vor dem ersten Weltkrieg erkennen könnte), Improvisation, Rhythmik und außereuropäische Musik (ich zögere diese musikalischen Pioniere unter Krautrock einzusortieren). Und fast keiner hat deutsch gesungen. Der nächste Bruch war dann Punk und in der Folgezeit auch die NDW, denn auch hier ist höchstens eine ironische Bezugnahme auf die Schlagerwelt zu erkennen. Erst in den 1980er Jahren kam es dann zu einer Vermischung von jugendlicher Rock- und Popmusik und der Schlagerwelt. Aber das war lange nach dem Scheitern von Punk und NDW am Versuch, den musikalischen Mainstream dauerhaft zu übernehmen. Und nein, Nena war nie NDW.
Wo wäre jetzt also das Jubiläum für Punk in Westdeutschland? Die Nina Hagen-Band war zwar imagemäßig ein mehr oder minder erfolgreicher Angriff auf den bürgerlichen Mainstream, aber musikalisch kein Punk. Big Balls And The Great White Idiot, Straßenjungs, The Pack und The Maniacs (aus Heidelberg) klangen zu sehr nach älteren Musikern, die auf den rollenden Zug aufspringen wollen, auch wenn sie musikalischen nicht uninteressant waren. Sie hatten aber auch den Nachteil, bei etablierten Plattenfirmen zu veröffentlichen, was der aus England übernommenen Do-It-Yourself-Ästhetik der jungen Punks widersprach. Lustigerweise wurde das den englischen und amerikanischen Vorbildern nicht vorgeworfen, aber ohne deren kapitalistischen Verbreitungsmechanismen wäre ihre Musik in Westdeutschland nie so wirkmächtig geworden. Erst 1979 erschienen die ersten längeren Tonträger in Westdeutschland, die eine eigene Interpretation von Punk dokumentierten als da wären LPs von Male aus Düsseldorf und von Rotzkotz und Hans-A-Plast aus Hannover. Dazu kamen noch die erste (instrumentale) LP der Deutsch Amerikanischen Freundschaft sowie die Elektronik-LP "Inland" vom Pyrolater, letztere meiner persönlichen Meinung nach ein perfektes Abbild der damaligen Stimmungslage in der westdeutschen Gesellschaft. Daneben kamen eine Reihe von Singles und EPs aus Hamburg, Berlin und anderen Städten, teils mit simplem Punk, teils mit avantgardistischen Klängen, teilweise inspiriert von durch die Medien verbreiteten Stereotypen, teilweise aber auch schon in direkter Inspiration von den vielfältigen Entwicklungen in der englischen und amerikanischen Musikszene. Wenn es ein Jubiläum von Punk in Westdeutschland zu feiern gäbe, dann wäre das Jahr 1979 ein guter Ausgangspunkt, auch wenn der westdeutsche Punk nur langsam von der Öffentlichkeit wahrgenommen wurde. Öffentlich wahrnehmbarer war dagegen die Titelstory vom Spiegel vom 23.1.1978 "PUNK - Kultur aus den Slums: brutal und häßlich", aber das war nur wie eine gruselige Reportage von einem Verbrechen im Ausland, das hatte nichts mit der westdeutschen Realität zu tun. Vielleicht sollte man auch bis zu den ersten Erfolgen von den Toten Hosen und den Ärzten warten, auch wenn Punk-Puristen diese als Verräter an der Punk-Idee ablehnen würden. Aber sowas wie das Bill Grundy-Interview oder die Veröffentlichung von "Smells like teen spirit" gibt es im westdeutschen Punk nicht. Daher, das Thema Punk-Jubiläum ist nur ein Marketingtrick der westdeutschen Kulturindustrie.
Leseempfehlung: Interview mit Dr. Michael Arndt MdB

























