29.6.21

Alter weißer Mann

Vor ein paar Wochen lief die Jubiläums-Sendung zu 60 Jahre Panorama in der ARD. Darin wurde natürlich auch der historischen und aktuellen Kritik an der Sendung Platz eingeräumt, z.B. mit diesem Gespräch mit einem "Kritiker":
Aus dem Sendeprotokoll ab Minute 11 (ich hoffe mit dem längeren Zitat keinen Verstoß gegen das Urheberrechtsgesetz zu begehen):

Moderartion Anja Reschke: Die Kritik an uns ist so alt wie unsere Sendung. Neulich bekam ich zum Beispiel folgende Mail:
"Sehr geehrte Damen und Herren, ich bin weder ein Fan von Panorama und schon gar nicht von Frau Reschke. Die journalistische Leistung ist mir einfach zu schlecht. Ich frage mich ernsthaft, ob jede geistige Tieffliegerin bei der ARD machen kann, was sie will. Von Frau Reschke habe ich schon lange die Meinung, dass sie nur über eine Intellektuelle Minimalkonfiguration verfügt."
Okay. Was genau habe ich gemacht, um so beschimpft zu werden? Ich habe neulich in einer Sendung folgendes gesagt:
Filmausschnitt: O-Ton: Anja Reschke: "MinisterpräsidentInnen"
Moderation Anja Reschke: "Ich habe gegendert. Bei genau zwei Wörtern in dieser Sendung. Das ist ungefähr so, wie in den 60ern das Wort Verhütung zu sagen. Regie -könnt ihr es mir bitte nochmal einspielen? Es war so kurz:
Filmausschnitt: O-Ton: Anja Reschke: "MinisterpräsidentInnen"
Moderation Anja Reschke: "Tja, wen regt sowas so auf, dass er gleich schreiben muss? Ihn hier: Ludwig Briehl, 73 Jahre, verheiratet, drei Kinder, eine Enkelin, er hat studiert, dann war er jahrelang Coach und Berater für große Firmen. Heute ist er Rentner und passionierter Leserbriefschreiber. Warum hat er so eine Wut auf mich, auf den öffentlich-rechtlichen Rundfunk? Ich war neugierig und bin hingefahren. Nach Baden-Württemberg, nicht weit vom Bodensee.

Ludwig Briehl: "Schön, dass sie da sind Frau Reschke."
Anja Reschke: "Grüß Gott, Herr Briehl. Hätten Sie gedacht, dass ich komme?"
Ludwig Briehl: "Wollen Sie eine ehrliche oder höfliche Antwort? Nein, natürlich nicht. Ganz klar nicht wegen einer E-Mail. Und ich meine, sie war nicht so heftig."
(Soll das heißen, dass er auch heftigere E-Mails und Leserbriefe schreibt, möglicherweise sogar mit Todesdrohungen? - MF)
Anja Reschke: "Naja, ich sage einmal kurz "MinisterpräsidentInnen" und das veranlasst Sie schon dazu, direkt mir... Ich bin ein geistiger Tiefflieger. Ich habe eine intellektuelle Minimalkonfiguration, also so bang richtig reinzudonnern. Finden Sie das einen guten Ton so miteinander?"
Ludwig Briehl: "Nicht unbedingt. Aber, sage ich jetzt mal, eine Journalistin soll es verkraften.
(Warum? Journalist*innen sind keine Teilnehmer am öffentlichen Meinungskampf, anders als Politiker*innen und Kommentator*innen. - MF) Ich habe gerade mal so hin gezappt. Ich war drei Sekunden im Programm und höre Sie Minister*innen sagen. Verstehen Sie? Das sind dann so Momente, wo ich nicht konsequent ruhig bleibe. (Okay, er sieht 3 Sekunden einer halbstündigen Sendung und leitet daraus sein Urteil über die Sendung und die Moderatorin ab... kann man machen, kann aber auch nach hinter losgehen. Denn was waren die Themen der Sendung vom 25.März? "Impfbummler: Warum es in Niedersachsen so langsam geht", "Der Staat als Vermieter: Keine Gnade trotz Corona" und "Verbrannte Erde: Wie Syrien seine Bürger verstößt.". Offenbar sind nach Ansicht von Herrn Briehl diese Themen unwichtig bei der Beurteilung der journalistischen Leistung von Frau Reschke und ihren Mitarbeiter*innen, entscheidend ist allein ihre Wortwahl. Immerhin stört es ihn nicht, dass sie Hosen trägt. - MF) Das hat ja in meinen Augen mit Journalismus überhaupt nichts zu tun. (Keine Ahnung, was nach Ansicht von Herrn Briehl "richtiger Journalismus" ist. - MF) Sie sollen zwar zur Meinungsbildung beitragen, aber Sie sollen nicht den Leuten, sage ich jetzt mal, irgendwelche Meinungen beibringen, (Ich verstehe nicht ganz den Unterschied zwischen "zur Meinungsbildung beitragen" und "den Leuten irgendwelche Meinungen beibringen". Glaubt Herr Briehl, die Moderation sei ein Befehl an die Zuschauer*innen, genauso wie Frau Reschke zu denken? Er selbst ist ja der Beweis, dass das nicht funktioniert. Unabhängig davon, wie könnte jemand mit einer "intellektuellen Minimalkonfiguration" anderen Menschen seine/ihre Meinung aufzwingen? Hält Herr Briehl den Rest der deutschen Bevölkerung für intellektuell noch tiefstehender? - MF) die einfach jenseits sind von Gut und Böse. ("Jenseits von Gut und Böse" ist der Titel eines Buches von Friedrich Nietzsche, in dem er sich mit Moralvorstellungen beschäftigt. Jemanden vorzuwerfen, er/sie/es sei jenseits von Gut und Böse soll wohl den Vorwurf enthalten, dass sich diese Person nicht an die herrschenden Moralvorstellungen hält - oder zumindest die Moralvorstellungen des/derjenigen, der sich für dieseits von gut und Böse hält. - MF) Sagen wir mal so, dass Minister*innen, das ist ja irgendwo eine weibliche feministische Sicht der Dinge, die ja, sage ich jetzt mal, im realen Leben keinen Bestand hat." (Nach Ansicht von Herrn Briehl sind Frauen offenbar von der Bestimmung was "reales Leben" ist ausgeschlossen, bzw. dürfen nicht mitbestimmen, was Gut und Böse sei. - MF)
Anja Reschke: "Finden Sie, dass Frauen nicht so mitspielen sollten?"
Ludwig Briehl: "Wenn ich jetzt mal fragen würde Frau Reschke, wenn Sie sich dieses Haus angucken, die Mauern, die Fenster. Was davon hat eine Frau gemacht? Wenn Sie rausschauen auf die Straße. Was unter der Straße liegt, Strom, Gas, Wasser, was davon hat eine Frau gemacht?"
(Das ist natürlich purer Blödsinn was Herr Briehl hier sagt, es sei denn er war beim Bau des Hauses, sowie der Verlegung der Strom-, Gas- und Wasserleitungen unter der Straße persönlich dabei. - MF)
Anja Reschke: "Wenn ich Ihnen jetzt zuhöre, dann haben Frauen nichts davon geleistet. Oder leisten Frauen nicht genug?"
Ludwig Briehl: "Schiffe? Bauen Frauen Schiffe? Denken Sie mal an die Windkrafträder. Wer baut denn die auf? Wer stellt die Masken? Wer hängt die Rotoren dran? Wer macht den Motor an? Machen das die Frauen?"
(Noch mehr patriarchaler Schwachsinn. Offenbar hat Herr Briehl noch nie einen Betrieb von innen gesehen, zumindest nicht seit dem Eintritt in sein Rentenalter. - MF)
Anja Reschke: "Und warum machen das die Frauen nicht?"
Ludwig Briehl: "Weiß ich nicht, das ist Entscheidung der Frauen.
(Wow, Frauen haben sich seit Jahrhunderten freiwillig unter die Knute des Patriarchat begeben. - MF) Es ist doch auch Ihre Entscheidung, hier zu sitzen und nicht Autos zu reparieren oder irgendwie so. (Und es war seine Entscheidung zu studieren anstatt sich als Maurer die Finger schmutzig zu machen. - MF) Da brechen einem halt die Fingernägel ab, weil man so Sachen macht. (Es ist faszinierend zu beobachten, wie Menschen nicht bemerken, dass sie sich mit solchen Behauptungen selbst ins knie schießen. - MF) Es sind doch, was ich sagen will, es sind doch im Prinzip die Frauen, die sich aus ganz, ganz weiten Bereichen des Lebens total raushalten." (Es ist mir unbegreiflich wie ein Mensch, der studiert hat (Abschluß Diplom-Kaufmann), nicht in der Lage ist, gesellschaftliche Diskussionen wahrzunehmen und sein Faktenwissen zu erweitern und somit nachvollziehen zu können, warum andere Menschen anderer Meinung sind. Ich kann mir das nur so erklären, dass er offenbar einen Studiengang gewählt hat, der statt Wissenschaft Ideologie produziert wie z.B. die sogenannten "Wirtschaftswissenschaften". Und mit diesen Scheuklappen glaubt sich Herr Briehl für qualifiziert, Mitarbeiter*innen zu entwickeln? - MF)

Moderation Anja Reschke: "Tja. Das war nicht so einfach mit uns beiden. Und ich habe schon befürchtet, das Gespräch ist dann zu Ende. Aber eigentlich wollte ich mit ihm ja über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk sprechen. Und wir haben das dann auch noch gemacht:"

Anja Reschke: "Warum haben Sie so eine Wut auf die Öffentlich-Rechtlichen?"
Ludwig Briehl: "Ich habe doch keine Wut. Was ich habe, da muss ich dann ganz ehrlich sein: Es ist eher Verachtung. Fast."
(Verachten kann man/frau doch nur, was unter einem/einer steht. Zeigt sich hier eine Hang zum herrenmenschentum? - MF)
Anja Reschke: "Sie verachten den öffentlich-rechtlichen Rundfunk?"
Ludwig Briehl: "Nicht den Rundfunk. Ich habe keine öffentlich-rechtliche Verdrossenheit, aber mit doch vielen, die da einfach ihrer Verantwortung in meinen Augen überhaupt nicht sich bewusst sind. Oder auch Panorama.
(Offenbar nimmt Herr Briehl die anderen Politmagazine der ARD nicht wahr, insbesondere Report vom BR, obwohl... - MF) Ich habe ja jetzt ein paar Beispiele da angeschaut. Das sind völlig einseitig abgelichtete Beiträge. Ihr berichtet gern mal über Missstände auf der rechten Seite. Nach links schaut ihr nicht hin. Gerade eben bei Panorama fehlt mir auch die andere Seite. Das ist das Problem. Immer nur ein Weg. Meinungsbildung also wird einseitig gefördert." (Das ist das Problem mit vielen dieser sogenannten "Kritiker*innen", sie nehmen nur das wahr, was ihr Weltbild bestätig. In der Panorama-Sendung vom März wurde das niedersächsische Sozialministerium (SPD-Ministerin) und die Bremer Baugesellschaft (Aufsicht hat die grüne Bausenatorin) kritisiert. Wo ist da der Blick nur nach rechts? Offenbar muss nach seiner Ansicht nicht das gesamte Fernsehprogramm ausgewogen sein, sondern jede einzelnen Sendeminute. - MF)
Anja Reschke: "Wir haben einen Grimme-Preis gekriegt für eine Sendung über den G20 Gipfel und die linken Radikalen."
Ludwig Briehl: "Ja, wer verteilt denn die Preise? Irgendwelche Journalisten verteilen?"
(Genau, alles eine linke Verschwörung. Dabei sind die Rechten doch selbst schuld, wenn sie lieber in die Wirtschaft gehen anstatt sich als Journalist*innen beschimpfen zu lassen. - MF)
Anja Reschke: "Nein. Es war eine Sendung über die linken Radikalen."
Ludwig Briehl: "Über die linken Radikalen, okay."
(Herr Briehl ist etwas irritiert, dass sein Weltbild nicht mit den Fakten übereinstimmt. - MF)
Anja Reschke: "Ich versuche rauszufinden, was genau Sie aufregt, weil, wir sind ja der öffentlich-rechtliche Rundfunk. Ich finde auch, wir werden nun von allen bezahlt, möchte man sich ja bemühen, dass die meisten Menschen auch den öffentlich-rechtlichen Rundfunk gut finden oder zumindest ihn wichtig finden. Haben Sie den Anspruch, dass Sie alles, was Sie sehen, gut finden? Ist es Ihr Anspruch?"
Ludwig Briehl: "Ja, dafür zahle ich."
(Also das Fernsehprogramm soll allein Herrn Briehl gefallen und nicht den übrigen 38 Millionen Beitragszahler*innen. Höre ich hier schon wieder eine gewisse Herrenmenschenattitüde heraus? - MF)
Anja Reschke: "Alles. Das heißt, wenn etwas nicht ihrer Meinung entspricht, ist es nicht gut."
Ludwig Briehl: "Es geht nicht um eine Meinung. Ich würde mir wünschen, dass Panorama mal hingeht und mal die Grünen fragt: "Hey, wie ist denn das mit eurer Energiewende?" Ihr nagelt Euch fest, Energiewende ist toll, was Frau Merkel macht ist toll. Und die Wahrheit?"
(Also vorhin war noch der Vorwurf, Frau Reschke solle nicht "irgendwelche Meinungen beibringen" und jetzt soll sie die "Wahrheit" bringen, also genau das Gegenteil. Das ist die typisch rechte Denke, dass das was mir/der rechten Seite zusteht nicht dir/der linken Seite zusteht. Wir, die Rechten, sind ja eigentlich unpolitisch, d.h. wir stehen über den Niederungen der schmuddeligen versyphten Politik der Linken, wir vertreten die "Wahrheit" - ein Gedanke, der aber nur funktioniert, wenn mann von der Ungleichheit der Menschen ausgeht. - MF)
Anja Reschke: "Berichten wir nicht?"
Ludwig Briehl: "Berichtet ihr nicht. Das ist der Punkt. Die Fakten. Die ARD könnte zur Meinungsvielfalt beitragen, indem sie mal alle Fakten auf den Tisch legt."
(Ich bezweifle ernsthaft, dass Herr Briehl dies so meint wie er es sagt. "Alle Fakten" beinhaltet natürlich auch Fakten, die für die rechte Seite nachteilig sind. - MF)
Anja Reschke: "Und warum glauben Sie berichten wir nicht über die Fakten?"
Ludwig Briehl: "Weil es für die ARD nicht opportun ist, gegen Angela Merkel was zu schreiben,
(Blödsinn, die Rundfunkanstalten sind wenn schon dann von den Länderregierungen abhängig, wie gerade Sachsen-Anhalt demonstriert hat nicht von der Bundeskanzlerin. Unabhängig davon, wie heißt es so schön "wer nichts macht macht auch keine Fehler", daher gibt es auch nichts wofür man die Bundeskanzlerin kritisieren könnte - außer für das Nichtstun. - MF) von Frau zu Frau tut man sich schwer, keine Ahnung."
Anja Reschke: "Die ARD besteht ja nicht nur aus Frauen."
Ludwig Briehl: "Aber aus Leuten, die offensichtlich nicht an der Politik von Angela Merkel rütteln wollen, weil, jeder Mensch mit klarem Verstand müsste erkennen, da läuft doch einiges schief, da läuft zu viel schief."
(Oh ja, es läuft viel zu viel schief in Deutschland, ich bezweifle aber dass ich mich mit Herrn Briehl darauf einigen könnte, was schief läuft. Unabhängig davon nervt diese Fixierung auf Frau Merkel, offenbar ist die Demokratie noch immer nicht in rechten Kreisen als legitime Staatsform akzeptiert, sie wollen lieber eine Autokratie so wie in Polen und Ungarn, wenn nicht sogar gleich eine Diktatur wie in Russland (aber nicht wie im Iran, weil falsche Religion). Dabei steht der Bundestag doch über der Regierung und könnte ihr gehörig in die Parade fahren. Aber die Abgeordneten der Regierungsparteien lassen sich ja regelmäßig, um den ehemaligen SPD-Bundestagsabgeordneten Karl-Heinz Hansen zu zitieren "zum Notariat der Exekutive degradieren". - MF)

25.6.21

Rest in Peace Kid P.

Nachruf auf spiegel.de: Abschied von einem großen, vergessenen Helden des deutschen Kulturjournalismus: Der New-Wave-Schreiber Andreas Banaski ist tot.

Nachruf von Detlef Diederichsen auf taz.de: Bekenntnis zur Oberfläche

Nachruf auf deutschlandfunkkultur.de: Er hat alle niedergemacht

Nachruf auf sueddeutsche.de: Der Archäologe des Pop

Nachruf auf faz.net: Schieß den Pfeil ins Herz! - Dort übrigens der interessante Hinweis, dass auf dem vielgezeigten Foto aus der letzten Sounds-Ausgabe nicht Tina Hohl, Kid P., Diedrich Diederichsen und Robert Palmer, sondern Angelika [Nachname fehlt], Stefan T. Ohrt, D.D. und Joachim Lottmann zu sehen sind.

Nachruf auf nd-aktuell.de: Ein Außenseiter im Anzug

Nachruf auf rollingstone.de: Große Oper für die Jukebox: Zum Tod von Andreas Banaski

15.6.21

Ja, es reicht! Aber anders!

Heute fiel mir in der Stadt ein Flyer in die Hand, der zu einer Veranstaltung/Treffen/Demo/was auch immer mit dem Titel "Es reicht!" in Berlin am 19. Juni einlädt. "Wir - als Volk - fordern den Rücktritt der Regierung. Artikel 20 Absatz 4 GG".
Der besagte Grundgesetz-Artikel lautet: "Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist." Was mit "diese Ordnung" gemeint ist steht in den 3 Absätzen davor, nämlich das die Bundesrepublik Deutschland ist ein demokratischer und sozialer Bundesstaat ist, das alle Staatsgewalt vom Volke ausgeht und in Wahlen und Abstimmungen und durch besondere Organe der Gesetzgebung, der vollziehenden Gewalt und der Rechtsprechung ausgeübt wird und das die Gesetzgebung an die verfassungsmäßige Ordnung, sowie die vollziehende Gewalt und die Rechtsprechung an Gesetz und Recht gebunden sind.

Zu der Forderung des Rücktritts der Regierung ist dreierlei zu sagen. Zum Ersten dass nicht gesagt wird, was nach dem Rücktritt kommen soll. Eine neue Regierung? Wer soll die bilden? Oder ein*e Diktator*in? Die Annektion durch ein anders Land? Zum Zweiten was soll ein Rücktritt der Regierung bewirken wenn in 3 Monaten sowie ein neues Parlament gewählt wird, die eine neue Regierung bestimmt - es sei denn die Initiator*innen dieses Aufrufs wollen die Bundestagswahl verhindern, weil sie von ihr keinen Umsturz der Verhältnisse in ihrem Sinne erwarten - nur dann wären sie es aber selbst, die die verfassungsgemäße Ordnung beseitigen wollen indem sie dem Wahlvolk das Recht auf Wahl eines neuen Bundestags nehmen wollen. Und Drittens wer ist dieses "Wir - als Volk", dass den Rücktritt der Regierung fordert? Selbst wenn 100.000 Menschen nach Berlin kämen wären sie nur 0,17 % aller Wahlberechtigten und damit in keiner Weise repräsentativ für das deutsche Volk, ihre Meinung also nahezu irrelevant. Und falls dieses "Wir" behaupten sollte, die Stimme der schweigenden Mehrheit zu sein, dann ist das ein eindeutige Lüge, denn wenn die Mehrheit schweigt kann keine*r behaupten, sie wäre seiner/ihrer Meinung. Denn Schweigen ist keine Zustimmung.

Wer glaubt, die Rückseite dieses Flyers, bzw. die dazugehörige Webseite und der dort verlinkte YouTube-Trailer würden weiterhelfen darf sich als verarscht fühlen. Es gibt kein einziges Argument auf Grund welchem Sachverhalts das Recht auf Widerstand in Anspruch genommen wird. Es gibt keinen Hinweis, was denn Parlament und Regierung, Verwaltung und den Gerichten vorgeworfen wird. Das ist natürlich ein Trick, um möglichst viele Unzufriedene anzulocken, um deren Engagement für die eigenen geheim gehaltenen Zwecke zu missbrauchen - es sei denn "Georg" und seine Mitstreiter*innne haben sich gar keine Gedanken dazu gemacht, was denn nach dem Rücktritt der Regierung passieren soll - was eigentlich noch schlimmer wäre.

Und ist gibt keine Beschreibung, was denn in Berlin passieren soll. Es soll keine Demo geben, keine Reden, keine Veranstaltung, was bleibt dann noch übrig? Straßenblockaden, Reichstag stürmen oder doch nur Spazieren gehen und Zelten im Tiergarten? Die Teilnehmer*innen sollen nach den Vorstellungen von "Georg" und Co. in Berlin bleiben, bis die Regierung gestürzt ist. Aber glaubt jemand ernsthaft, dass der friedliche Aufenthalt in Berlin von "Georg" und Freund*innen irgendeine Reaktion der Regierung hervorrufen wird? Der Frust der fehlenden Reaktion wird zwangsläufig zu gewalttätigen Handlungen von einigen der von "Georg" gerufenen Berlin-Besucher*innen führen - und möglicherweise ist genau dies die Absicht: mit Hilfe nützlicher Idioten eine Art "Volksaufstand" zu entfachen um eine geheime Agenda durchzusetzen. Tatsächlich ist ja die Erklärung, keine Demo etc sein zu wollen und nichts anzumelden ein Trick, sich bei Polizeikontrollen darauf hinauszureden, man sein nur ein*e Tourist*in und habe keineswegs die Absicht, den Reichstag zu stürmen. In Wirklichkeit ist man/frau ja nach Berlin gekommen, um die Regierung zu stürzen, auf welchem Weg auch immer, der Text des Flyers belegt es ja. Es gibt also eine geheime Agenda der sich auf den Aufruf "Es reicht" sich in Berlin Versammelnden. Damit erfüllen sie aber selbst alle Merkmale einer Verschwörung gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung, d.h. nicht ihnen steht ein Widerstandsrecht zu, sondern der übrigen deutschen Bevölkerung gegen "Georg" und Co.

Das folgende liest sich vielleicht wie ein unmotivierter Themenwechsel, aber ich komme im großen Bögen auf das Thema wieder zurück. Im Sommer gehe ich zu Fuß zur Arbeit und weil der Weg bekannt ist lese ich nebenher meistens ein Buch - was ja auch nichts anderes ist als auf sein Smartphone zu starren, nur eine ältere Technologie. Im Augenblick lese ich die Zeitschrift "Pop. Kultur und Kritik" mit Texten zu verschiedenen Themen wie Covid 19, Mode, Medien, Literatur, was auch immer Geisteswissenschaftler*innen so einfällt. Ich lese solche Zeitschriften, ebenso wie damals die Spex oder aktuell Plastic Bomb und Zap, von vorne bis hinten ganz durch und zwinge mich im Prinzip nicht nur die Positionen die mir gefallen/mich in meiner Meinung bestätigen wahrzunehmen, sondern auch abweichende Meinungen (ich gebe zu, dass ich das bei den Exemplaren von Compact und Junger Freiheit, die mir in die Finger geraten sind, nicht so gehalten habe, denn wenn man mich davon überzeugen will, dass das Merkel eine Gefahr für Teutschland ist darf man mir nicht mit dem Holzhammer kommen). Manchmal regt mich das Gelesene auf, aber gelegentlich stoße ich auf Stellen, die zum Nachdenken über die jeweilige Textstelle veranlassen. Ich komme aus dem Lesefluss heraus und die eigenen Gedanken beginnen kreisen, so z.B. bei dem Essay "Der neue Midcult" von Moritz Baßler, der davon schreibt wie die Literaturwissenschaft vermehrt auf Filterblasen in der Leser*innenschaft stößt, die die Kritik an den von ihnen gelesenen Texten ablehnt (Dass der Autor im weiteren Textverlauf ein anderes Ziel im Auge hat ändert nichts an meiner Inspiration). Solche Fangruppen gibt es natürlich auch anderswo, so im Fußball und in der Musik, wobei immer die Frage ist, wie hermetisch diese Kreise sind, d.h. blickt man/frau noch über den selbst gebastelten Zaun hinweg oder nicht. Im Fußball gibt es das, denn was wäre ein Hannover 96-Fan ohne die Feindschaft zu Braunschweiger Fußballfans und umgekehrt, andererseits pflegen Fangruppen unterschiedlicher Vereine auch Freundschaften, und wenn auch nur alle gegen RB Leipzig sind. Im gewissen Sinne sind auch politische Parteien solche Filterblasen und auch hier stellt sich die Frage, wie hermetisch die jeweilige Blase ist. Mein Eindruck ist, dass die Blasen immer undurchlässiger werden. Wenn ein Patrick, äh Christian Lindner sagt es sei besser nicht als schlecht zu regieren, dann ist das ein klares Signal, dass die FDP nicht bereit ist sich mit Kritik von außen inhaltlich auseinander zu setzen. (Habe ich oder die Anderen Recht? Stimmen die Tatsachen, auf Grund derer ich meine Meinung gebildet habe? Ist Wirtschaftswissenschaft überhaupt eine Wissenschaft oder doch nur Ideologie?) Und die beklagte Lähmung der deutschen Politik durch die große Koalition, in der SPD und CDU keine Kompromisse finden, sondern sich gegenseitig blockieren, ist auch nicht weit davon entfernt. Natürlich steht die AfD über allen anderen Parteien in Sachen Unwilligkeit sich mit Kritik an ihrer Politik auseinander zusetzen. Denn auf Kritik einzugehen heißt ja wie bereits gesagt bereit zu sein die eigenen Positionen in Frage zu stellen. All dem sich zu verweigern muss im hohen Maße als undemokratisch angesehen werden, denn Demokratie lebt vom Diskurs und Kompromiss und nicht von einer Wagenburgmentalität. Und da wird der Hass von AfD, Querdenkern und anderen Aluhüten auf öffentlich-rechtliches Fernsehen und Rundfunk verständlich, weil diese Medien von ihrem Auftrag her demokratisch sein müssen, d.h. für jeden in der deutschen Gesellschaft etwas anbieten müssen (ob sie diesem Anspruch genügen sei dahin gestellt, aber sie unterliegen eben nicht dem Zwang der kapitalistischen privaten Medien, einen Markt erobern zu müssen und deshalb ihrem Publikum nach dem Mund zu reden) und deshalb auch Positionen zu Wort kommen lassen, die Kritik an AfD, Querdenkern und Aluhüten beinhalten. Um sich gegen Kritik zu immunisieren sind AfD, Querdenker und Aluhüte dazu übergegangen, nachdem die Strategie, auf Fragen/Kritik sofort zu reagieren, um sich selbst am Nachdenken/Reflektieren über das soeben gehörte zu hindern (Warum brüllen amerikanische Cops immer das Gegenüber mit Befehlen an? Weil die ständigen Befehle das Gegenüber dazu zwingen sich mit diesen Befehlen auseinander zusetzen und es somit keine Zeit findet, sich selbst zu überlegen wie es in dieser Situation anders handeln könnte.) sich der Kommunikation mit dem Rest der Gesellschaft ganz zu verweigern. Wo man/frau aber nicht weiß, was der/die Gegner*in (nicht) will kann man/frau ihn auch nicht kritisieren. Und der Aufruf von "Georg" ist der Höhepunkt dieser Sprachverweigerung, weder erklärt er weshalb er den Rücktritt der Bundesregierung fordert noch was danach kommen soll. Wo aber jeder demokratischer Diskurs verweigert wird offenbart man sich selbst als Staatsfeind, gegen den jeder Widerstand zulässig ist.

Dass die Webseite von "Georg" Rechtswidrigerweise weder Impressum noch Datenschutzerklärung hat verwundert da auch nicht mehr.

11.6.21

Maze Runner 6

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9.6.21

Maze Runner 5

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7.6.21

Maze Runner 4

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5.6.21

Maze Runner 3

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3.6.21

1. Hannoveraner CD- und Schallplattenbörse

Also nach meiner Erinnerung fand die erste Schallplattenbörse in Hannover im Februar 1979 im Freizeitheim Lister Turm statt (was ich dort gekauft habe habe ich hier schon mal erzählt), die zweite Schallplattenbörse gab es dann schon wieder im Juni, und auf der dritten Börse im November gab es dann die ersten deutschen Independent-Produktionen zu entdecken. Spätere Plattenbörsen gab es in den Wülfeler Brauereigaststätten (jetzt "Wienecke XI"), im Hannover Congress Centrum (damals noch "Stadthalle"), im Freizeitheim Vahrenwald (im Neubau) und im Pavillon. Das alles ist über 40 Jahre her – und jetzt veranstaltet jemand die "1. Hannoveraner CD- und Schallplattenbörse"? Mal sehen, ob sie tatsächlich stattfindet, so wie die Innenstadt sich plötzlich bevölkert und die Außengastronomie aufblüht bin ich mir nicht sicher ob die Inzidenz in Hannover dauerhaft unter 35 bleibt.
PS: Ich kann mich an die meisten Läden, wo ich Schallplatten gekauft habe, erinnern. Aber wo und was war "Sam’s"? Der einzige Hinweis ist die Gegend von Vier Grenzen und dass ich dort das 3fach-Album "Wings over America" für 21.90 DM gekauft habe.
Nachtrag: Auch in der Uni-Mensa Am Scheiderberg waren mal Plattenbörsen und im Lux am Schwarzen Bären neben dem Capitol...

1.6.21

Maze Runner 2

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