29.4.24

Was heute nicht akzeptabel ist war es vielleicht auch nicht vor 50 Jahren

Vor einigen Wochen habe ich auf dem Flohmarkt eine LP entdeckt, auf deren Cover 5 Rockertypen abgebildet waren. Vor ihnen knieten 5 Frauen mit nackten Oberkörper. Die Band hieß Bulldog. Ich überlegte das Cover zu fotografieren, aber nachdem ich meine Runde gemacht hatte stellte ich fest, dass die LP verkauft worden war, offenbar an jemanden, der Sammler von solchen Schallplatten bedient (z.B. Mr Weird and Wacky).
Eine Recherche bei discogs (es gibt dort über 22 Künstler mit dem Namen Bulldog) ergibt, dass es sich um eine Hamburger Band handelte, die 1976 eine einzige LP aufnahm. Möglicherweise gibt es nur 100 Exemplare für Werbezwecke. Abgebildet bei discogs ist auch ein Bewerbungsschreiben an die Deutsche Grammophon, wobei sich die Frage stellt, wieso eine Band damals glaubte mit einem solchen Cover einen Plattenvertrag erwerben zu können. Denn ein genauerer Blick zeigt, dass die Frauen Halsbänder tragen und die Musiker Gürtel in den Händen halten. Was soll das Cover darstellen? Gewalt gegen Frauen (die Gürtel) ist okay? Frauen sind nur gut als hörige (die Halsbänder) Sexobjekte gut? Zu glauben mit so einem Image Anklang zu finden war schon damals ein Irrtum, schon vorher hatten sich die Scorpions mit ihrem Virgin Killer-Cover Ärger eingehandelt, ebenso Silver Convention mit Save Me. Es gibt eine ganze Literatur zu zensíerten Schallplattenhüllen.
Richtig ist, dass vor 50 Jahren die westlichen Gesellschaften weniger prüde waren, es gab Kinoerfolge wie Bilitis und den "legendären" Tatort Reifezeugnis mit den nackten Brüsten der damals 13jährigen Nastassja Kinskis. In dem Kinofilm Der Fan, in dem Bodo Staiger zerstückelt wird, trat die 17jährige Désirée Nosbusch nackt auf. Aber Gewalt gegen Frauen (die Rückseite des Bulldog-Covers habe ich dann erst bei discogs gesehen, leider ist dort nicht genau zu erkennen, wie diese "Balgerei" zu interpretieren wäre) war auch damals schon nicht okay.

Es wäre interessant zu erfahren, wie die Herren Gerd Oppermann, Rainer Paegelow, Günther Oehmichen, Michael Erhardt und Gerhard Stölting heute zu ihrer LP-Hülle stehen.

Siehe auch: Rape is a beautiful game, Happy Jazz und Co, Désirée Nosbusch, Virgin Killer

Weiterführende Literatur: Roland Seim, Josef Spiegel (Hrsg.) "Nur für Erwachsene. Rock- und Popmusik: zensiert diskutiert unterschlagen" Telos Verlag 2004

27.4.24

Geschichte wird gemacht

Barbara Hornberger "Geschichte wird gemacht. Die Neue Deutsche Welle. Eine Epoche deutscher Popmusik" (Verlag Königshausen & Neumann 2011)

Wieder einmal ist der Umschlag eines Buches irreführend. Thomas Schwebel und Peter Hain von Mittagspause in "Matrosenanzügen" (na ja, eher Kapitän oder Steuermann, aber die bunten Hemden passen nicht zur Seefahrt) 1979 in der Markhalle Hamburg auf dem Into The Future-Festval liegen zeitlich deutlich vor der NDW, auch vor dem Schisma zwischen Deutsch-Punk und Neuer Welle, wie es das Geräusche für die 80er-Festival markierte. Das passiert, wenn historische Fakten hinter Verkaufsinteressen zurücktreten.

Der Grund ein solches Buch als jemand, der diese Zeit selbst erlebt hat, zu lesen, ist z.B. die eigenen Erinnerungen mit denen anderer Menschen abzugleichen und gleichzeitig die eigene Verwirrung, was denn eigentlich die Neue Deutsche Welle ist/war, mit Hilfe wissenschaftlicher Deutungsversuche aufzulösen. Tatsächlich habe ich mich mal vor vielen Jahren an einer Definition der NDW versucht, die ihr hier nachlesen könnt. Die hatte ich ursprünglich für ein lange nicht mehr existierendes NDW Wiki geschrieben. (Warum schaffen es solche Projekte nie, nach dem Verschwinden der Gründer*innen weiterzuleben?) Interessanterweise kam keiner der damaligen anderen Autor*innen des Blogs auf die Idee, meinen Beitrag zu bearbeiten.

In meinem damaligen Text hatte ich versucht, die NDW anhand einiger Stilelemente von anderen Musikstilen abzugrenzen ("Einsatz von Synthesizern, Betonung des Rhythmus, exaltierten Gesang, dilettantische Spielweise, ironische Verwendung anderer Musikstile und Einsatz von Geräuschen und Lärm"), was vielleicht etwas oberflächlich ist. Auch die Definition unter https://all-about-music.fandom.com/de/wiki/Neue_Deutsche_Welle beschränkt sich auf wenige angeblich charakteristische Stilelemente (deutsche Sprache, häufige Rohheit und Kühle, Minimalismus). Ähnlich unergiebig ist die Wikipedia. Hinzu kommt, dass der Begriff eigentlich zwei verschiedene Musikbewegungen beschreibt (die sich wie alle anderen Musikstile natürlich überschneiden), zum einen die kurz nach dem Aufgreifen von Punk in (West)Deutschland entstandenen musikalischen Entgrenzungen, zum anderen die entstehende (west)deutsche Popmusik, die stilistische Inspirationen aus dem NDW-Untergrund aufgriff. (Seien wir ehrlich, vorher gab es nur Rock oder Schlager, von Ausnahmen wie die an den Phillysound angelehnten Produktionen von Marianne Rosenberg abgesehen.) Weshalb sich Frank Apunkt Scheider in seinem Werk "Als die Welt noch unterging" über die Versuche der Definition der NDW eher lustig macht.

Wie geht nun Frau Hornberger mit ihrem wissenschaftlichen Instrumentarium an das Thema heran? Sie geht davon aus, dass sich die NDW nur aus einer Gesamtschau von ökonomischer, historischer, musikalischer und kulturgeschichtlicher Perspektive beschreiben lässt. (Wobei meines Erachtens die gesellschaftspolitische Perspektive, ich sage nur "bleierne Zeit", mit dazugehört.)

Dass deutsche Texte ein wesentliches Merkmal der NDW sind/waren, ist wohl unstrittig. Englische Texte waren bei den frühen deutschen Punkbands wie den Razors noch akzeptabel, da ja auch die Musik sehr an die angloamerikanischen Vorbilder angelehnt war. In der NDW waren englische Texte aber ein No-Go, weshalb z.B. eine musikalisch durchaus typische Band wie die Fred Banana Combo in der NDW-Historie fast nicht auftaucht. Der Grund für deutsche Texte liegt meines Erachtens in dem Wunsch nach Abgrenzung zu der Verwendung englischer Texte in der älteren Musiker*innen-Generation, die allgemein als Krautrock beschrieben wird (oft ironisch gerechtfertigt als "Wir wollen auch in Finnland verstanden werden", was angesichts dürftiger PA-Anlagen Blödsinn war). Waren der englische Gesang der Krautrocker*innen zusammen mit ihrer Musik, insbesondere auch dem Einsatz von elektronischen Instrumenten, im Kern eine bewusste Abgrenzung zur Schlagerkultur der damaligen Elterngeneration, die alle langhaarigen Jugendlichen (Gammler!) in Arbeitslager schicken wollte (später war diesen Menschen das kurze bunte Haar der Punks genauso zuwider), so war der deutsche Gesang der NDW-Bands m.E. eine ebensolche bewusste Abgrenzung gegenüber den Krautrocker*innen. Zwar gab es unter diesen auch welche mit deutschen Texten, diese waren aber zumeist politisch motiviert (von Ton Steine Scherben bis Franz K.), damit ihr Publikum auch die jeweilige Message verstehen konnte. Agitatorische Texte waren aber kein Merkmal der NDW. Und dann gab es noch Kraftwerk, die textlich durchaus als NDW-Band gelten könnten. Denn der entscheidende Unterschied der NDW-Bands zu den Schlagersänger*innen war neben der Art des Gesangsvortrags die inhaltliche Thematik ihrer Songs. Dort wo die Texte äußerlich der Schlagerkultur ähnelten, sorgten Naivität, Provokation, Satire und ähnliches für eine erkennbare Abgrenzung, oder auch nur die Art des Gesangsvortrags wie bei Trio und Hubert Kah, oder auch eine Bezugnahme auf die Schlagerkultur vor der Machtergreifung der Nazis (etwas, was der deutschen Schlager konsequent vermied). Insofern lässt sich Nena klar von der NDW abgrenzen, denn ihre Liebeslieder wie „Nur geträumt“ waren immer ernst gemeint ohne eine Spur von Subversion. Nena ist nicht NDW, sondern deutscher Schlager-Pop. So wie z.B. UKW, Ace Cats, Spider Murphy Gang, Relax ...

Musikalisch ist eine Typisierung der NDW deutlich schwieriger, gerade bei dem Einsatz elektronischer Instrumente ist teilweise eine gewisse Ähnlichkeit in den Ergebnissen zu der Musik der Krautrocker*innen zu entdecken. Auch muss man wohl hier grundsätzlich von einer Abgrenzung zu den Stilmitteln von Krautrock und Schlager ausgehen, ansonsten war so ziemlich alles erlaubt. Ebenso wird oft die Frage gestellt, ob Musiker*innen, die bereits eine musikalische Geschichte vor der NDW aufzuweisen hatten, trotz der passenden Texte tatsächlich musikalisch zur NDW gehören, wie z.B. Trio, Ideal oder auch Weltschmertz (ein Projekt unter Beteiligung von Achim Reichel und Frank Dostal von Wonderland, die 1968 den deutschen Psychedelic-Hit "Moscow" veröffentlichten). Aber wie englische Punks früher oft Bowie-Fans waren, so haben auch die Musiker*innen der Untergrund-NDW eine musikalische Sozialisation vor Punk erfahren. So wird der Fehlfarben-Gitarrist Thomas Schwebel (ich glaube bei Teipel) mit der Aussage zitiert, dass er die mit dem Entdecken von Punk verkauften Chic-LPs später erneut gekauft habe, ein Einfluss, der auf der sträflich übersehenen dritten Fehlfarben-LP „Glut und Asche“ von 1983 deutlich zu hören ist. Musikalisch ist das eigentlich schon (guter) deutscher Pop. Letztendlich liegt es am jeweiligen persönlichen Geschmack oder eigenen ideologischen Präferenzen zu entscheiden, was Punk, Untergrund-NDW, Mainstream-NDW oder nichts von alledem ist. Mag das jeder für Extrabreit, Markus oder Geier Sturzflug selbst entscheiden.

PS: Ich befürchte ich habe weniger über Hornbergers Buch geschrieben als über meine eigenen Gedanken, daher hier noch ein Link zu einer anderen Rezension.

25.4.24

Best 1.000 Albums ever?

Vor einiger Zeit erreichte mich eine E-Mail eines gewissen Eric Berlin - keine Ahnung wie er auf mich gekommen ist – mit folgender Einladung:

I thought you might be interested in the best 1,000 albums ever project, which is rocketing past the halfway point with 500+ selections and counting (each with its own full blown article, the likes of which you won't find anywhere else!), covering rock, pop, hip hop, jazz, and every other genre you can think of!

Nachdem ich mir den Blog angesehen hatte schrieb ich folgende Antwort:

I think your project is totally useless as it does in no way represent music in general. yes, humans make music since thousends of years and the invention of the phonograph is only around 100 hundred years old so recorded music only represents a small part of the musical heritage of mankind. while scrolling through your list I noticed some women and people of colour but no music from africa, asia, south america or eastern europe, there is no classical or traditional music. how can you dare to say that only rock musicians make important albums? therefore your list is only white male bullshit.

Nun, Herr Berlin gibt selbst zu, nicht qualifiziert zu sein zu entscheiden, was die 1.000 besten LPs seien, und das alles basiere nur auf seinem persönlichen Geschmack. Aber dann wäre der Titel seines Projekts besser "Meine 1000 Lieblingsalben" oder so ähnlich gewesen, wenn man die im Titel behauptete Objektivität gar nicht leisten kann/will. Nur hätten sich dann wahrscheinlich weniger Menschen für seinen Geschmack interessiert.

Interessanter fand ich da schon den Blog "My Husband's Stupid Record Collection", der aber leider wegen der Schwangerschaft der Autorin vorzeitig endete und inzwischen ganz aus dem Netz verschwunden ist (nur noch Teile über das Internet Archive rekonstruierbar).

23.4.24

Weiss

Bret Easton Ellis "Weiss", Kiepenheuer & Witsch 2019

"Weiss" eignet sich hervorragend dazu, sich als Rezensent*in lächerlich zu machen, wie ihr gerne anhand der Amazon-Kundenrezensionen überprüfen könnt. Es ist so einfach das Buch als "endlich sagt es mal einer" zu loben, nur weil Ellis u.a. den Untergang der amerikanischen Linken beschreibt, die sich in Dogmatismus verfangen hat und den Realitäten verweigert. Als ob nicht das gleiche für die amerikanische Rechte und insbesondere Trump und seine Anhänger gelten würde. Alle sehen sich als Opfer, keiner ist mehr Täter. Ellis aber will nicht Opfer sein, sich nicht von anderen eine Weltanschauung/Haltung aufzwingen lassen. Wobei das auch eine zu eindimensionale Sicht auf das Buch wäre, denn es geht auch um darum, was Ellis in den letzten Jahren so gemacht hat, als ihm die Inspiration für ein neues Buch fehlte. Es geht um Drehbücher, Podcasts, Beziehungen und seine Jugend. Insoweit ist der Titel des Buchs teilweise (absichtlich?) irreführend.

Ja, das Buch ist ein paar Jahre alt, Trump nicht mehr Präsident, aber die Spaltung der amerikanischen Gesellschaft hat Biden nicht überwinden können. Und inzwischen ist dieser Niedergang der Linken - die Rechten waren schon immer mit einfachen Erklärungen zufrieden, unabhängig davon, wie sehr sie mit einer komplexen Realität kollidieren - auch in Deutschland angekommen. Es wird nicht mehr argumentiert, kritisch (auch sich selbst) hinterfragt, sondern mit falsch verstandenen Parolen Machtgelüsten gefröhnt, um sich über die eigene Machtlosigkeit hinwegzulügen. Öffentliches Nachdenken ist nicht mehr erlaubt, das Ergebnis muss von vorn herein feststehen.

Was macht das mit den Menschen? Ellis, der in Los Angeles aufgewachsen ist, kennt die Welt der Schauspieler*innen, er weiß darum, dass diese öffentlich eine Fassade pflegen, um sich weiterhin vermarkten zu können. Auch andere Menschen pflegen ihre Meinung nur im engsten Kreis zu offenbaren, keiner will Kunden verlieren, nur weil er/sie/es anderer Meinung ist. Auch wenn es sich scheinbar um ein amerikanisches Phänomen handelt, amerikanisch deshalb, weil dort es den Dualismus von Demokraten und Republikaner gibt, beschreibt Ellis ein auch in Europa anzutreffendes Phänomen. Gerade bei deutschen Politiker*innen fällt auf, dass diese plötzlich ganz anders reden, wenn sie aus der aktiven Politik ausscheiden. Wer vorher zu sehr seinen/ihren Standpunkt offenbart (von der Parteilinie abweicht wie Boris Palmer) macht sich angreifbar, was im übrigen auch im Alltagsleben gilt. Wer mit Kritik nicht umgehen kann schweigt lieber, zumal die Kritik inzwischen immer gewalttätiger wird. Ellis dagegen hat kein Problem sich angreifbar zu machen, denn er argumentiert. Leider verfangen Argumente heutzutage immer weniger.

21.4.24

Die Auch - Liesenblatwülst

Ich weiß nicht, ob es sich zum Zeitpunkt dieser Cassette noch um eine Band aus Hannover oder schon aus Bremen handelte. Wer diese Art von Musik mag sollte sich auch mal ILSE LAU, DIAMETRICS und IM GRUNDE GENOMMEN anhören.

Die Auch "Liesenblatwülst" (MC, .UR-Kult releases 048, 1997)
Bada Bada Mpa Mpa Mpa Bada Bada Mpa Mpa M / Nnbaden / Pubertät / Valentinstag / Schwoof / Talsperre //
Wand / Peter / 20 minuten / Orthopädisch I
Aufgenommen am 7. + 8.8.1996. Abgemischt und gemastered 12.96 bis 1.97. All dies mit Thomas Siebert in den Passierzettelstudios Hamburg unter Mithilfe von Yves Dos Santos. Dank an Go plus fürs Equipment und an Kante für die Unterbringung. ’Orthopädisch I’ live aufgenommen von Die Auch in der Galerie Herold, Bremen, 10.96. Mundharmonika: Eric Drooker.
DIE AUCH sind Frank – Gitarre, Lumpi – Bass/SK-8, Henning – Schlagzeug.
Kontakt: Henning Bosse, Bremer Str. 9, 28203 Bremen, Tel+Fax 0421/76815, e-mail: hbosse@zfn.uni-bremen.de
Alle Songs P & C 1994-96 DIE AUCH.
+
Die Auch: Sommer bleibt für immer (Silke Arp-Bricht Sampler93, 1993)
Die Auch: Einsame Männer (Silke Live '94, 1994)
Die Auch: Extrawurst (Silke Live '94, 1994)
Die Auch: Sportsfreund (Silke Arp-Bricht: Miniaturen, 1995)
(download)

19.4.24

Guitar Wolf/The Hawaiians, Lux 13.6.2022

Die Hawaiians beschreiben sich als Bubblegum Poppunk’n Roll-Trio, für mich klang es wie eine Mischung aus Ramones und Abstürzende Brieftauben. Eine dufte Partyband, von der man keine Schallplatte braucht. Die Band gibt es seit 20 Jahren.
Guitar Wolf gibt es dagegen fast doppelt so lange und sie sind oder er ist kein Kaugummi, sondern pures Nitroglycerin. Auch wenn an Bass und Schlagzeug neue unverbrauchte Kräfte kämpfen sieht man dem Wolf sein Alter nicht an. Bevor der Lärm beginnt werden erst mal 2 Flaschen Bier geext und vielleicht ist das das Geheimnis der ewigen Jugend von Guitar Wolf und seinem räudigen Rock’n’Roll.
Auf ein baldiges Wiedersehen in ca. 20 Jahren.