28.6.06

Maloik – Das Zeichen des Gehörnten?


In dem weitverbreiteten kostenlosen Musikmagazin "Intro" findet sich in der aktuellen Ausgabe Nr.140 (Juli 2006) die schreckliche Enthüllung, dass das sogenannte "Sign of Evil" aus dem italienischen Aberglauben stammt und den bösen Blick abwehren oder auslösen soll. Die Handbewegung heißt Maloik und der älteren Musikhörern sicher nicht unbekannte Hard Rock-Sänger Ronny James Dio hat sie als Kind von seiner italienischen Großmutter abgeschaut und dann bei Black Sabbath populär gemacht. Eine ähnliche Geschichte findet sich unter http://www.catch-the-rainbow.com/Interviews/ClassicRock/ClassicRock2002.html:
"Another intuitive step taken by Dio to stamp his own identity on Sabbath was to develop his own hand signal to take people's thoughts away from Ozzy's incessant peace signs: "It came from my grandmother," he says of the maloik, to ward off the evil eye, or to give the evil eye. We'd be walking down the street and i'd see her give people that sign. When it came time to be in Sabbath, I knew what Ozzy was famous for, and I decided to do something different. And it didn't take long for kids to pick up on it. It's been around for thousands of years, though, i'm not going to take credit for it. I'm sure Gene Simmons would like to take credit for it, he's taken credit for everything else on the face of the planet. He's taken credit for tongues, for Christ's sake. Yeah, no one had tongues before you, Gene!""


Tiefschlag für alle Paranoiker, die denken George W. Bush sei ein Sendbote Satans, nur weil er auch dieses Zeichen macht. Er will nur den bösen Blick aller Demokraten und islamischen Fundamentalisten abwehren. Hat aber leider nicht gereicht, den 11. September zu verhindern. Ist also vielleicht wie aller sonstiger Aberglauben einfach Blödsinn? Und DoubleU ein Depp, weil er trotzdem dran glaubt? Aber der iranische Präsident President Mahmud Ahmadinedschad glaubt ja auch, der Holocaust sei nie passiert. Das kommt eben davon, wenn die Klügeren immer nachgeben: die Welt wird von Dummköpfen regiert. Übrigens, Leonard Nimoy hat sich seinen legendären vulkanischen Gruß für seine Rolle als Mr. Spock als Kind in der Synagoge abgeschaut, hehehe, eine jüdische WeltRAUMverschwörung?

27.6.06

Tokio Hotel


Cartoon von Miguel Fernandez
Quelle: Stadtkind 2/06

25.6.06

Deutsch Amerikanische Freundschaft "Into The Future" 1979 (ergänzt)


Im hamburger Fanzine Rockmusik schreibt Uli Rehberg über diesen Auftritt: "den eindeutig dümmsten eindruck hinterließ die deutsch amerikanische freundschaft. syntisizergedudel matschgeschrei, praktisch nur der sänger reagierte auf publikumsanmache mit: "ich sage dir: geh nach st. pauli!" und das mehrmals wiederholt. durch sein arschiges auftreten konnte er die leute nicht mal mit der mit der lauten aufforderung "verbietet den punk!" provozieren. die neuinterpretation von "auf der reeperbahn nachts um halb drei" war auch nicht nach meinem geschmack. hans albers sagt mir da immer noch mehr zu. politische sprüche wurden wirr aneinandergereiht wie: moskau, hanoi... der weltwirtschaftsgipfel tagt, die wirtschaft braucht einen neuen krieg, der widerstand ist tot, chomeini regiert, dazu hypnotisches wimmern und heulen a la pere ubu. aufatmen als der mist endlich nach einer halben stunde vorbei ist." Nun, vielleicht liegt der Verriss auch an der Einleitung von Gabi Delgado-Lopez, der diesen Auftritt mit dem Satz "Deutsch-Amerikanische Freundschaft aus dem Ruhrgebiet, Gevelsberg-Silchede. Was ist los in Hamburg? 30 Möchtegern-Punks, 1000 Hippies, was ist los in Hamburg?" einleitete, wohl dokumentiert auf dem Sampler zu dem Into The Future-Festival. Dieser Auftritt von DAF am 24.2.1979 in Hamburg ist insoweit interessant, weil er eine Phase der Band dokumentiert, die auf offiziellen Veröffentlichungen – außer den 2 Stücken auf dem Into The Future-Sampler, "Ich und die Wirklichkeit" und "Auf der Reeperbahn nachts um 1/2 drei" – nicht dokumentiert ist. Zu hören ist eine Band auf der Suche nach sich selbst mit noch nicht ausformulierten Ideen, aber dem starken Bemühen alle bekannten musikalischen Ausdrucksformen zu vermeiden. Hervorzuheben ist dabei insbesondere der Gitarrist Wolfgang Spellmanns, der zusammen mit den anderen Musikern später von dem Duo Görl/Delgado-Lopez hinausgeekelt wurde, mit seinen Splittersounds, später noch bei Mau Mau zu hören und dann aus der Musikwelt verschwunden, sowie der Sänger Gabi Delgado-Lopez mit seinen knappen hinausgeschrienen Parolentexten (obwohl teilweise eine Nähe zu Peter Hein, mit dem er gemeinsam bei Mittagspause gesungen hatte, wie auf dem S.O.36-Sampler zu hören ist, anklingt). Diese Aufnahme stammt von der einzigen mir bekannten DAF-Bootleg-LP, ein Doppelalbum mit Aufnahmen aus allen Phasen der Band von 1979 bis 1981, darunter dem Auftritt in der Werkstatt Odem im April 1980 in Hannover, wo ich auch zugegen war. Die Pressqualität der Platte ist leider etwas bescheiden, aber nachdem ich letztens in einem Blog über ganz grottige Wire-Aufnahmen von 1978/1979 gestolpert bin denke ich, dass ich das euch zumuten kann. Bei solchen archäologischen Artefakten ist das schon mal erlaubt...

Deutsch Amerikanische Freundschaft - live "Into The Future" Hamburg Markthalle 24.2.1979
Ich und die Wirklichkeit/ Wo lebt diese Frau?/ Himno al capital/ Romanze ’79/ Die neue Welle/ Hanoi/ Weltwirtschaftsgipfel/ Auf der Reeperbahn nachts um 1/2 drei/Khomeini regiert
(download als Zip-Datei)
Diskografie

23.6.06

Martin Peter R.I.P.


Vor ein paar Tagen erhielt ich von Emilio Winschetti (Mythen In Tüten, Mint, The Perc Meets The Hidden Gentleman) folgende E.-Mail:
"Hallo Martin,
hier in Berlin sind wir immer noch geschockt vom plötzlichen Tod von Martin Peter.
Hier zwei Nachrufe:
http://www.taz.de/pt/2006/05/17/a0239.1/text
http://www.dorfdisco.de/tag/martin-peter
Wir haben seit letztem Herbst das Bandprojekt BPWW (Bartel, Peter, Winschetti, Wydler) betrieben. Es gab leider nur einen einzigen Auftritt im letzten Dezember in Stockholm: http://lobotomrecords.com/index.php?option=com_content&task=view&id=34&Itemid=59
p.s. Das Foto zeigt Martin Peter beim Gig in Stockholm am 3.12.2005, Foto: Conny Fornbäck"

Martin Peter, Jahrgang 1947, war Gründungsmitglied der Gitarren-Instrumentalband Die Haut. Er hatte Architektur studiert und sein Examen unter dem Einfluß seine Engagements bei der Roten Hilfe über das Thema Gefängnisarchitektur gemacht. Nach seinem Ausstieg bei Die Haut ging Peter einer Film- und Schauspielkarriere nach, Ende der 90er Jahre war er wieder als Architekt tätig. Erst in den letzten Jahre kehrte er zur Musik zurück. Anfang Mai erlitt er einen Herzanfall und fiel ins Koma, aus dem er nicht mehr erwachte.

18.6.06

S.Y.P.H. - Die Gevelsberg-Tapes (ergänzt)


Die erste S.Y.P.H.-EP "Viel Feind - Viel Ehr" habe ich mir im Dezember 1979 bei Rip Off in Hamburg anlässlich des "Geräusche für die 80er"-Festivals zugelegt. Zu dieser Zeit war die Konfrontation zwischen "Punkrockern" (die Punk nur als Punkrock im Stil von Ramones und Sex Pistols akzeptierten) und "Künstlerpack" (die Punk als Freiheit zum experimentieren begriffen) schon im vollen Gange, wie das Geschehen auf dem Festival zeigte. Ich nehme nicht an, dass die S.Y.P.H.-EP bei den "Punkrockern" große Zustimmung gefunden hat, weil sie in keinster Weise dem entsprach, wie sich S.Y.P.H. bei dem ersten Hamburg-Festival, dem "Into The Future" im Februar 1979 live präsentiert hatten. Keine kurzen Punkrockstücke mit komischen Texten, sondern Synthi-Fiepen und Tapes mit Nachrichtensendungen aus der Zeit der Schleyer-Entführung, dazu ein Raumklang als sei die Platte live im Übungsraum mit einem Cassettenrekorder aufgenommen worden. Wenn man sich aber in das "Tönende S.Y.P.H.-Buch", eine von Harry Rag 1982 zusammengestellte 3-Cassetten-Sammlung mit bis dahin zumeist unveröffentlichten Studio-, Live- und Übungsraum-Aufnahmen (4 Stunden Material), vertieft, dann ist diese EP keine Ausrutscher. S.Y.P.H. spielten alles: Punk, Folkversuche, wildes Sessiongedaddel und elektronische Quälereien. Von den Aufnahmen aus Gevelsberg sind auf der Cassettensammlung insgesamt 40 Minuten zu finden, wobei einiges davon eher unfertig klingt. Was mich aber nicht daran hinderte, nachdem ich die Cassetten gehört hatte, mit der Idee einer LP-Veröffentlichung zu spielen. Ein Cover habe ich damals entworfen, aber zu mehr langte es natürlich nicht - und im nachhinein denke ich auch, dass die Idee doch nicht ganz so gut war, aber für einen Internet-Release zum Selberbrennen reicht es allemal. Es sind übrigens meines Wissens die einzigen Studio-Aufnahmen von S.Y.P.H. mit Ralf Dörper.

Von den Aufnahmen aus Gevelsberg sind damals die ersten 4 Stücke als EP erschienen, und tatsächlich handelt es sich hierbei um die kompaktesten Aufnahmen aus der ganzen Session. Die anderen Stücke sind deutlich freier, insbesondere "Fripption", dass teilweise wie ein Soundcheck klingt, vielleicht sogar einer war, mit Wortsetzen aus dem Aufnahmeraum. Möglicherweise ist der Rest der Aufnahmen, außer vielleicht die längere Version von Europa, nur nebenbei entstanden und nie für die Veröffentlichung auf der EP in Betracht gezogen worden, was die Band allerdings nicht daran gehindert hat, einen Ausschnitt aus dem Xylophon-Spaß "Gevelsberg" als "Summertime Bluus" auf ihre 3.LP "Live Hier Und Da" zu packen. Das Stück "Pure Freude" heißt auf der EP übrigens "Klammheimlich" und zeigt, dass S.Y.P.H. die Band war, die sich am explizitesten aller frühen deutschen Punkband auf den deutschen Herbst, die Konfrontation zwischen Staat und RAF, auf Stammheim und den Anspruch beider Seiten, dass wer nicht für sie sei ihr Feind sei, reagierte. So zeigt das Cover zwei Bildikonen aus dieser Zeit, auf der Vorderseite ein Tatortfoto von dem Kinderwagen, den die RAF bei der Entführung von Arbeitgeberpräsident Hanns-Martin Schleyer zum Stoppen seines Autos und zum Waffentransport verwendete, auf der Rückseite ein Foto eines Hubschrauber-Passagiers für einen Rundflug über Karlsruhe, der später als der gesuchte Terrorist Christian Klar identifiziert wurde, offenbar auf dem Weg Angriffsziele wie Gerichte und Staatsanwaltschaften auszukundschaften. Harry Rag beschreibt auf der S.Y.P.H.-Webseite wie sie damals 8 Wochen lang versuchten eine Druckerei für das Cover zu finden, aber keine fanden, obwohl die Bilder schon in Spiegel, Stern und sonst wo zu sehen waren. Schließlich legte die Band das Cover auf einen Fotokopierer und heftete die beiden Blätter zusammen. Irgendwann danach muß der Gitarrist Uwe Jahnke kalte Füße bekommen haben, denn sein Nachnahme ist auf dem Cover mit Edding ausgestrichen, ebenso ist auf dem Beiblatt aus der christian-na-klar-produktion eine xxxxxxxx-na-klar-produktion geworden und das Foto von Klar wurde durch 2 Eddingstriche unkenntlich gemacht. Remember: 1979 war noch keinem den Beteiligten klar, dass Musik und Film ihr Berufsweg sein würde, die Option einer bürgerlichen Karriere, möglicherweise auch beim Staat, stand viel größer im Raum (Harry Rag machte eine Malerlehre) und es war die Hochzeit der Berufsverbote, wo die Teilnahme an irgendeiner Demonstration und das Tragen roter Socken auf ewig den Lebensweg zu versauen drohte. Dies war damals eine konkrete Bedrohung und hat sicher viele in ihrem politischen Handeln eingeschüchtert (mich auch). Auch das oft spielerische, kindliche Element in der Musik von S.Y.P.H. war eine Reaktion auf den deutschen Herbst, weil man sich damit beiden stockernsten politischen Lagern entziehen konnte, wie auch die gesamte Ästhetik des frühen deutschen Punk in Westdeutschland einer Verweigerung gegenüber den kulturellen Vorgaben von Staat und linker Opposition war (West-Berlin mit seinem starken linksradikalen Element im Punk ist ein anderes Thema). Die Parteipolitik kam erst mit dem Deutschpunk zurück in die Musik.

Über die S.Y.P.H.-EP schrieb Uli Rehberg im Hamburger Fanzine "Rockmusik" im Oktober 1979 folgendes: "beim auflegen der syph-singel hatte ich noch das herumgehetze von male im hinterkopf. umso größer meine überraschung, als erst mal eher unsektiererische laute aus den rillen kommen. "industriemädchen" ist ein eingängiger moderato disko beat der mir sehr gut gefällt. es geht weiter mit einem beitrag zur europäischen integration ("europa"). technorock. profetenstimme: europa - völker ohne grenzen - völker ohne arbeit - völker ohne ziel ohne hoffnung - ohne glauben ohne führer - europa marschiert ohne richtung - ohne zukunft - arbeitereuropa (oder so ähnlich) - deine zukunft bestimmst du ... sehr überzeugend! moderne romantik: zur abwechslung ein punkig fetzendes stück text bis auf "wir sind kein tier" oder so was nicht zu verstehen. zum schluß noch mal 2 jahre zurück in den deutschen herbst. staatsmeinungsfetzen aus tagesschau & anderen pseudoobjektiven kommentaren werden aneinandermontiert. ebenfalls gespenstisch wie man das aus der distanz wahrnimmt: schleyer-entführung durch das hausner-kommando/forderung nach todesstrafe/abschaffung der zwangsernährung/erschießung von raf-geiseln/mogadischo/baader-enssin-raspe-selbstmord (oder "selbstmord"?) & was sonst noch alles an hysterischen überreaktionen passiert ist. 4 vokabeln werden von syph in die montage eingeblendet: heldentum, eigentum, eigenheim, stammheim! eingangszitat: "die zeitung le monde meinte, deutschland sei krank". ein irres stück musik! allerdings habe ich den eindruck, daß das terrorismus-thema zu sehr modisch missbraucht wird (nicht nur bei syph) ..."

S.Y.P.H. "Die Gevelsberg-Tapes"
industrie-mädchen/ europa/ moderne romantik/ pure freude/ konfrontation/ viel feind, viel ehr/ gevelsberg/ fripption/ europa
harry rag - gesang; synthi; uwe jahnke - git; tapes; ralf DieDüsseldorferLeere dörper - synthi; melodica; stimme; bänder; gilbert hetzel - drums; geholfen haben: micha - bass; uwe - schlagzeug; am aufnahmegerät wolla; durch den equalizer gejagt von kurt; am 21. 7. 1979 im Grün In Gevelsberg aufgenommen
(download)
Diskografie

Summary: When I bought the first EP "Viel Feind - Viel Ehr" by S.Y.P.H. in December 1979 it was high time of confrontation between "true punks" (for whom only the sound of the Ramones and the Sex Pistols was acceptable) and "art punks" (who understood punk as freedom to break all traditional rules of rock music and even culture) in West Germany. I don't think that the "street punks" really liked the first S.Y.P.H.-EP, because it was very different to the stage act of S.Y.P.H. from the first Hamburg punk festival in February 1979 - and even that was not really punk because they used instruments like the Melodica. On the EP you don't hear short punk rock tunes with funny lyrics but quirky noises from synthesizers and tapes of news broadcasts about the Schleyer hostage, which was the high point of the terrorist war of the RAF against capitalistic and post-fascist West Germany. - I have to make it clear at this point that from my point of view you can't understand punk and its offshoots in West Germany without knowledge of the massive political confrontation between terrorists and government in West Germany during what is called "Deutscher Herbst". You probably can compare this to what 9/11 is to the USA or what that IRA was to the UK. It poisoned the whole political culture. It was like "if you are not for us then you must be against us". So when punk arrived in West Germany it was the creative chance for a lot of people to escape this urge to decide if you are friend or foe. - Also the sound of the EP was very primitive. But if you listen to the complete "Tönende S.Y.P.H.-Buch", a compilation of 4 hours of music created by Harry Rag from various sources you will understand that this EP was not a faux pas but a part of the whole concept of S.Y.P.H., a mixture of punk, kraut, Can and Throbbing Gristle. For S.Y.P.H. the idea of punk was not to follow new rules but to dispense from all rules. Part of the "Tönende S.Y.P.H.-Buch" are 40 minutes of recordings from Gevelsberg, where they recorded their first EP. Most of it sounds very loose and some kind of unfinished, but it didn't inhibit me from having the idea of releasing all the music on an album. I even made a cover at that time for that album, but the idea didn't went much further - and looking back I don't think that the idea was that good, but it can still make up for an internet-release. By the way these were the only studio recordings of S.Y.P.H. with Ralf Dörper who later went to international fame with Die Krupps and "Mabuse" by Propaganda. Other musicians at these sessions were Harry Rag, Uwe Jahnke Gilbert Hetzel, Micha (Kemner) and Uwe (Bauer). I don't know who the tape operator "wolla" was, but the recordings were equalized with the help of Kurt ("Pyrolator" Dahlke) who then was a member of Deutsch Amerikanische Freundschaft and later of Der Plan switching the band with the late Chrislo Haas. The recording happened on 21.7.1979 at the "Grün" in Gevelsberg, which was a tavern managed by I guess some kind of hippies. Also the first album by DAF "Produkt der Deutsch Amerikanischen Freundschaft" und the Materialschlacht-7" were recorded there.

The first 4 tracks "Industrie-Mädchen", "Europa", "Moderne Romantik" and "Pure Freude" were released in 1979 on the first S.Y.P.H.-EP and are the most complete tracks. "Fripption" sounds like a soundcheck with some chats between musicians and engineer. Probably all the other tracks were just recorded for fun never intended to be released except for the second version of "Europa". But a part from "Gevelsberg" was released as "Summertime Bluus" on the third S.Y.P.H. album "Live Hier Und Da". "Pure Freunde" was renamed for release as "Klammheimlich" and this shows that the band was differently to other early German punk bands not only very aware of the political situation in West Germany but dared to make an artistic comment on it. Also they used two very iconic photographs for the cover of the EP, on the front the baby carriage used for the hostage of Hanns-Martin Schleyer and the killings of his driver and security people, on the back a picture of the terrorist Christian Klar, made by an observation camera on the way to a helicopter for spying out new locations for terrorist acts. At that time no printer n Germany dared to print this cover so S.Y.P.H. had to use photocopies and staple that together. Also guitar player Uwe Jahnke got cold feet that his name would be on the same piece of paper with Christian Klar so his surname is blackened out together with some further edits. I would not blame him for this as in 1979 for most pupils of higher education a governmental career like teacher or civil servant was a big option - Harry Rag instead was a trainee for a painter, but later went to Munich to study film making - and "Berufsverbote" was still a big menace. Like the saying "you only have to wear red socks or go the wrong protest rally and you will be marked as communist and supporter of terrorism for the rest of you life". Yes, that was Germany in 1979. And from that point of view the more childish elements of the German punk scene that you can hear in the music of S.Y.P.H., Der Plan and others even make much more sense.

14.6.06

Materialschlacht 1979


Die Materialschlacht-Single habe ich im August 1979 erstanden, zusammen mit der Mittagspause-Doppelsingle tatsächlich eine meiner ersten deutschen Punk-Platten (Rotzkotz-LP im Juli 1979, alles andere kam später). Wie Punk aus England oder New York abgeschaut klingt die Single aber nicht, mit ihren ungeraden Rhythmen und collagierter Musik - früher dachte ich immer, die Sängerin schreit so auf der Platte, aber heute würde ich sagen, da wurde eine Aufnahme von Yoko Ono (vermutlich "Fly") mitverwurstet. Know your roots! Solche Einstiege in ein neues Musikerlebnis können sehr prägend sein, nicht nur weil ich die Platte mangels Angebots weiterer Platten aus der deutschen Punk-Szene sehr oft gehört habe. Die Single zeigt zudem zweierlei: 1. dass die frühen deutschen Bands die Idee des Punk adaptierten, aber meistens nicht die musikalischen Stil-Vorgaben, und 2. wie wichtig das Thema "Deutscher Herbst" in der Gründungsphase des deutschen Punk waren. Die Male-LP ist von dem Thema durchzogen, Mittagspause und S.Y.P.H. haben das Thema aufgegriffen, die Pyrolator-LP "Inland" kann zurecht als künstlerische Reaktion auf das damals herrschende politische Klima in Deutschland angesehen werden. In der heutigen Geschichtsschreibung von Deutschpunk wird das Thema RAF jedoch völlig marginalisiert.

Leider habe ich mein Exemplar von "Verschwende Deine Jugend" gerade verliehen, deshalb kann ich nicht viel über Materialschlacht erzählen außer dass sie auch Gelsenkirchen kamen, Sylvia "Mona Lisa" James die Sängerin war, Uwe (Bauer) und Micha(el Kemner) Schlagzeug und Bass spielten, und Justus und Wolla Gitarre und Tapes bedienten. Aufgenommen wurde die Single im "Grün in Gevelsberg" (vermutlich handelte es sich dabei um den Landgasthofes "Grün Inn", dessen Teilhaber damals auch ein gewisser Kurt Dahlke alias Pyrolator war), wo auch die erste S.Y.P.H.-EP entstand (dazu mehr demnächst). Alfred Hilsberg schrieb in der Sounds 10/79 folgendes: "Mona Lisa heißt eigentlich Sylvia James, kam vor etlichen Jahren aus England, war eine ganze Zeit politisch links organisiert, versucht schon lange fortschrittliche Kulturarbeit zu machen, arbeitete an der Zeitung "Einige Millionen" mit, gibt das "Magazin für Verliebte" raus und arbeitet mit der Gruppe Materialschlacht. Sylvia: "Ich könnte nicht behaupten, daß ich Musik für Massen mache. Ich mache das in erster Linie für mich selbst. Ich versuche schon, Vorstellung, die ich habe, zu vermitteln. Ob die Leute das verstehen, das bleibt denen Überlassen. Aber ich denke schon, daß es Leute gibt, die sich dabei was denken.""

Sylvia James war auch Mitglied in der Gruppe 20. Jahrhundert von Jürgen Kramer und spielte dort Bass. 1982 trat sie mit Kramer bei der Musikperformance "opus posthum" auf, über die mehr hier nachgelesen werden kann. James schrieb auch an Krames Publikation "Der Rabe" mit. Was sie in den letzten 25 Jahren machte entzieht sich meiner Kenntnis.

Uli Rehberg schrieb im Fanzine Rockmusik in Hamburg im Oktober 1979 folgendes über diese Single: "materialschlacht haben sich in hamburg zum ersten mal bei "punk bis zum untergang" am 29.6.. vorgestellt und sie sind bei der redacktion dieses schon jetzt unsterblich gewordenen blattäss!! auf einhellige ablehnung gestoßen. Mir jedenfalls gingen die kaum zu kategorisierenden materialschlachtgeräusche auf die eier, was sicherlich noch durch die katastrofal ausgesteuerte pa verstärkt wurde (den kerl, der da rumgemixt hat, sollte man tatsächlich aufhängen!). ich glaube bei den materialschlächtern müssen beschreibungsversuche wie industrie-/ultra-/anti-/chaos-/terror-/programm- oder sonstige musik genauso lächerlich-hilflos bleiben wie beispielsweise bei daf, syph oder plan. die musiker selbst sprechen von acid-punk bzw. "non-system-music" und einem versuch, die grenzen der bisherigen musik (wo sind die??) zu überwinden. für mich reicht es erst mal festzustellen, daß da was "modernes" (universalwort!) und eigenständiges produziert worden ist, was äußerst unkonventionell tönt und mich fasziniert. jetzt habe ich meinen perversen drang, alles gleich mit etiketten zu versehen, doch noch befriedigt! meinem qualifizierten (fehl-) urteil sei noch hinzugefügt, daß ich die materialschlacht-single genauso wie die male-, rotzkotz-, mipau-, plan- und salino-erzeugnisse schon jetzt für wichtige versuche einer aufkeimenden brd-new-wave ansehe, und die frage die ich mir immer wieder stelle ist: welchen weg wird dieses kantig-frische musiek einschlagen? wie lange dauert's bis sie ersten anpassungserscheinungen an kommerziell gängiges auftreten??"

Es passt zu dieser Plattenkritik, dass sich Materialschlacht im Frühjahr 1980 auflösten. Dazu schrieb James einen Brief an das schweizer Fanzine Jamming, den ich in meinem Fanzine Bericht der U.N.-Menschenrechtskommission über Menschrechtsverletzungen in der Bundesrepublik Deutschland #2 im Juni 1980 zitierte: "Wir lösten uns auf zu einem Zeitpunkt, da es hier in Deutschland mit den Geschäften um New Wave und dem Interesse der etablierten Medien an der New Wave losging. Wir hatten eigentlich nur die Alternativen, am Geschäft teilzunehmen oder uns aufzulösen. Zumindest war die Auflösung eine konsequente Handlung bezüglich der kommerziellen Interessen an uns. Man kann das, was man macht, so ehrlich meinen wie man will, sobald ein Interesse für die Verkaufbarkeit einer Musik, bzw. einer Kunst entsteht, die angeblich neue Ansätze, Inhalte, Tendenzen aufzeigt, gehen ursprüngliche Inhalte zugunsten der Kommerzialisierbarkeit verloren. Das Ganze wird dann bloß zu einer neuen Mode heraufbeschworen und nur allzu viele Leute sind bereit, die Vorschriften der neuen Mode mitzumachen, und sich selbst dabei aufzugeben. So sind dann auch viele Leute der deutschen Szene der "SOUNDS" dankbar, daß sie ihnen zu ihrem Ruhm verhilft. Und sie sehen nicht dabei, daß sie sich dem "System" willenlos ausliefern. Wahrscheinlich ist aber die Neue Welle wirklich so harmlos und inhaltslos wie sie sich selbst in den Medien darstellt/darstellen lässt."

Materialschlacht "Kinderfreundlich"/"BKA" Single, Schizoanoia Production 1979 #007/33337 (download als Zip-Datei)

PS: Leider gibt es inzwischen auch eine Nazirock-Band, die sich Materialschlacht nennt. The times, they are a-changing... (auch der heilige Bob hat Texte geschrieben, die sich beliebig auslegen lassen…)

11.6.06

Chor der Soldatenkameradschaft Isernhagen H.B.


Heute wird die Verlängerung der hannoverschen Stadtbahnlinie 3 von Lahe nach Altwarmbüchen feierlich eröffnet. Da Altwarmbüchen in der Gemeinde Isernhagen liegt hier ein kürzlich gefundenes Schmankerl, eine Single des Chors der Soldatenkameradschaft Isernhagen H.B.. Der Name hört sich martialisch an, aber nach der Webseite zu beurteilen scheint es sich um einen Schützenverein zu handeln. Leider geizt die Webseite mit Angaben zur Geschichte des Vereins und eventuellen Hinweisen zu dieser Veröffentlichung - das Übliche halt, eine Idee fürs Internet wird geboren und nicht fertig gemacht. Wer sich an dem "H.B." im Namen stören sollte: das "H.B." ist sehr wichtig, weil Isernhagen sehr alt ist (672 Jahre) und aus 4 Bauerschaften besteht, nämlich der Farster Bauerschaft (F.B.), der Kircher Bauerschaft (K.B.), der Niedernhägener Bauerschaft (N.B.) und eben der Hohenhorster Bauerschaft (H.B.), sowie aus Altwarmbüchen, Kirchhorst und Neuwarmbüchen (mehr unter www.isernhagen.de). Das Logo auf den Cover gehört übrigens zur (ehemaligen) Gilde Brauerei Hannover, möglicherweise Sponsor dieser Produktion. Über die Plattenfirma Tromp ist nichts weiter bekannt.

Chor der Soldatenkameradschaft Isernhagen H.B. "Hast du Isernhagen schon geseh'n?" / "Grüss mir mein Isernhagen!" Tromp 2891810 (1986)
Text/Musik: W.Sommer, Aufnahme: Joerg Fichtner, August 1986, Foto: V.Gawehn

Chor der Soldatenkameradschaft Isernhagen H.B. "Hast du Isernhagen schon geseh'n?" (mp3)
Chor der Soldatenkameradschaft Isernhagen H.B. "Grüss mir mein Isernhagen!" (mp3)