14.11.06

Heinz Eckner und die Hannoversche Blasmusik

Der Kölner liebt bekanntermaßen seine Stadt ganz doll und drückt das in vielen Liedern aus. Der Hannoveraner dagegen hat einen eklatanten Mangel an Lokalpatriotismus. Er ist zwar ziemlich beleidigt, wenn Harald Schmidt mal wieder Witze über seine Stadt macht, aber aufstehen und ein Loblied auf Hannover zu singen, das schafft er nicht. Es gibt ja auch nicht so viele offensichtliche Gründe, schließlich wurde die Innenstadt im zweiten Weltkrieg ziemlich pulverisiert und danach autogerecht wieder aufgebaut. Das Königreich Hannover wurde trotz zeitweiser Personalunion mit England von den Preußen okkupiert und die Nachkommen der Welfen fallen eher dadurch auf, dass sie ihre Kunstschätze außer Landes schmuggeln und dort zu Geld machen, Journalisten mit Schirmen verprügeln und öffentlich urinieren. Dass Hannover die Heimat von Emil Berliner, dem Erfinder der Schallpatte ist, interessiert zu Zeiten von MP3 eh keine Sau. Die Scorpions allerdings kommen nicht aus Hannover, sondern aus dem Vorort Sarstedt, da legen sowohl Hannoveraner als auch Sarstedter Wert drauf. Was bleibt dann noch von Hannover übrig? Richtig, das Schützenfest mit fast 500jähriger Tradition und die Lütje Lage, und auf beides singt Heinz Eckner ein schmissiges Loblied auf dieser Single, deren Veröffentlichungsjahr mir leider nicht bekannt ist.

Heinz Eckner und die Hannoversche Blasmusik "In Hannover trink man 'Lüttje Lagen'" (Eckner) / "In Hannover an der Leine" (Döpke - Eckner)
Produktion: Studio Hannover
Single, ohne Jahr, Rena Schallplatten RE/E 101, T 75 395
(download)

Summary: This single is very untypical for Hannover. Okay, it’s typical brass music, but it’s a song about the famous alcoholic tradition called "Lütje Lage" were you are drinking beer and drinks from two up to six glasses at the same time. This song expresses pride for Hannover and its traditions, something which people from Hannover usually never do and therefore stupidly confirm the prejudice that Hannover is a boring and dull town.

Update 30.8.2011: Habe bei Ebay eine Abbildung des Covers gefunden!

12.11.06

Gitarrenarmee


Heute mal etwas Promotion für ein Label und eine Band: Die guten Leute von WM Recordings waren so nett, einen Internet-Release von der Gitarrenarmee zu besorgen, nämlich "Composing after Playing". Hier der Werbetext:

"Die Gitarrenarmee steht nicht für Militarismus, nicht einmal für Disziplin. Das Ensemble ist ein freier Zusammenschluss, der mehr in den Köpfen der vier Musiker existiert als in der realen Musiklandschaft. Der Begriff Armee wird konterkariert, denn es handelt sich nicht um ein "fest stehendes Heer", sondern ein Quartett von sehr unterschiedlichen Charakteren mit sehr unterschiedlichen Ideen. Kein Stück ähnelt dem anderen, kein Live-Programm wird zweimal zur Aufführung gebracht. Den ersten Höhepunkt bildet die "Raum-Klang-Installation", die 1990 in Leipzig aufgeführt wird. Das Erlebnis ist ein flüchtiges - mit dem Verklingen des letzten Tones ist das Konzept Geschichte und lebt nur in den Köpfen der damals anwesenden Zuhörer weiter, ebenso wie die Staatsform DDR selbst.

Als Darjush Davar die fertige Musik zum ersten Mal hört, bestreitet er, dass die Gitarrenarmee bestimmet Passagen gespielt habe. In der Tat ist "Composing After Playing" ein Computerprodukt. Aus einer zweitägigen Aufnahmesession extrahiert Christoph Abée sehr unterschiedliche Passagen, die in ihrer Inspirations-Spanne von Robert Fripps "Crafty Guitarists" bis zu Neil Youngs "Dead Man" reichen. Hören, Selektieren und Montieren führen dazu, dass eine stark komprimierte Klangwelt entsteht, die so weder vor dem Spielen komponiert noch von vier Gitarren überhaupt performt werden kann. Kombiniert werden zwei Arbeitsweisen, die üblicherweise zumeist Berührungsängste haben: das Samplen und Remixen der elektronischen Musik und das freie Fließen aus Jazz, Fusion und Psychedelic. Das Ergebnis ähnelt etwas einem "Memory-Spiel". Mit dem entscheidenden Unterschied, dass hier die einzelnen Motive und deren Paarungen nicht eindeutig sind. Bei "Composing After Playing" entfaltet und verändert jedes Motiv seinen Charakter mit jedem neuen Motiv, mit dem es kombiniert wird. Hin und wieder taucht scheinbar Bekanntes wieder auf, verändert sich durch seinen neuen Kontext und wird durch gänzlich andere Motive abgelöst.

"Composing After Playing" will dennoch einfach nur Musik sein, die ohne intellektuellen Hintergrund oder das Wissen des Hörers um ihre Entstehung funktioniert. In diesem Sinne wünscht die Gitarrenarmee viel Spaß bei Hören eines Werkes, dass sie so niemals hätte komponieren oder spielen können."

http://www.wmrecordings.com/releases/wm051.htm - und bitte Kommentare hinterlassen!

Summary: Gitarrenarmee is a band with 4 guitar players and they just released their first EP through WM recordings:

"The "Gitarrenarmee" (guitar army) does not stand for militarism, not even for discipline. The ensemble is a free union, which exists more in the heads of the four musicians than in the real music landscape. The term army becomes contradicted with the fact, that it is not a "firmly standing army", but a quartet made up of very different characters with very different ideas. No musical piece resembles an other, no live-set is performed twice. The "Raum-Klang-Installation" (three-dimensional sound installation), which happened in Leipzig in 1990, forms the first high point. The experience is a volatile - with the fading of the last sound the concept is history and continues to live only in the heads of the then present listeners, just as the governmental system of the GDR.

When Darjush Davar listens to the finished music for the first time, he denies that the Gitarrenarmee played certain passages. Indeed "Composing after Playing" is a computer product. From a two-day-recording-session Christoph Abée extracts very different passages, which in their inspiration span from Robert Fripps "Crafty Guitarists" up to Neil Youngs "Dead Man". Listening, cutting and pasting make up for a strongly compressed sound world, which could have neither be composed before playing nor be performed at all by four guitars at once. Two concepts of working, which usually fear to get in contact with each other, are combined: sampling and remixing from the world of electronic music with the free flow from jazz, fusion and psychedelic. The result resembles something a "Memory play" - with the crucial difference that the individual motives and their mating are not made clear. Each motive from "Composing after Playing" unfolds and changes its character when combined with the next motive. Now and then apparently well-known motives emerge again, get changed within the new context and will be replaced by completely different motives.

"Composing after Playing" nevertheless simply wants to be just music, which functions without intellectual background or the knowledge of the listener around its emergence. In this sense the guitar army wishes much fun when hearing a musical work that the four musicians would have never been able to compose or to play."

http://www.wmrecordings.com/releases/wm051.htm - please leave a comment after downloading!

10.11.06

Niedersachsen - Mein Lieblingsland


Manche Sachen sind einfach so doof, dass sie schon wieder gut sind. Andere sind einfach nur doof. Wo dieser Song liegt weiß ich noch nicht. Die Geschichte dahinter ist, dass Utz Claasen, geboren in Hannover, in der 90er Jahren mal Chef bei Hannover 96, heute Chef bei dem Strom-Konzern EnBW und in staatsanwaltliche Ermittlungen wegen Geschenken an Mitarbeiter von Stuttgarter Ministerien verwickelt, die Werbemusikfirma Coastland beauftragt hat, dem Land Niedersachen zum 60. Geburtstag eine neue Hymne zu schreiben. Diese Dreistigkeit ist in Zeiten, wo Industrielobbyisten bereits Büros in Berliner Ministerien benutzen dürfen und an Gesetzentwürfen mitschreiben, nicht wirklich verwunderlich. Okay, das alte Niedersachsenlied ist etwas blutrünstig, aber das neue hat eigentlich nichts mit Niedersachsen zu tun. Zu hören ist netter Pop, der auch von Juli stammen könnte, dazu ein optimistischer Text mit 2 Zeilen über Niedersachen. Würde man diese austauschen wäre der Song auch mit jedem anderen Thema kompatibel. Aber vielleicht ist der Song ja auch ein Fingerzeig, dass entweder Niedersachsen eh keine Identität hat (eher haben die einzelnen Regionen eine eigene Identität, und die Schaumburger leisten sich ja sogar eine eigene Landeskirche mit Bischof), oder dass das Land Niedersachsen wie eigentlich alle deutschen Bundesländer, bzw. deren Parlamente und Ministerpräsidenten überflüssig wie ein Kropf ist. Aber hört selbst.

Summary: Lower Saxony just turned 60 and so EnBW payed for a new national anthem. To me it sounds like pop music and the lyrics really have no connection to Lower Saxony except mentioning its name and the North Sea. So it could be a new anthem for Denmark too, or The Netherlands, or Norway, or ... or ... or ... - or just a symbol, that national borders in Europe are just a waste of time and not compatible with modern capitalism?

8.11.06

Berlin


Hier sind 2 Dateien, nach denen in anderen Blogs gefragt wurde. Im "Good Bad Music For Bad, Bad Times!"-Blog wurde nach dem "KZ 36"-Sampler gefragt, einer Live-LP mit 2 Berliner und 2 Hannoveraner Punk-Bands von 1980. Aufgenommen im Berliner Anarcho-Punk-Laden KZ 36, dem Gegenentwurf zum "Kommerz-Laden" S.O. 36, u.a. mitorganisiert von Andreas Heske, dem Sänger der Betoncombo, sowie einem gewissen Karl Walterbach, der später das erfolgreiche Punk-Label Aggressive Rockproduktionen aufbaute.
Ätztussis waren ein Berliner Frauenquartett, die zu der derben Polit-Szene um Katapult und das Fronttheater herum gehörte. Vor ein paar Jahres erschien noch eine LP von ihnen in Kleinstauflage mit weiteren Live-Aufnahmen. Die Betoncombo aus Berlin dürfte in der deutschen Punk-Szene wesentlich bekannter sein und kann es von der Radikalität her mit jeder Hamburger Band aufnehmen. Blitzkrieg waren das Flagschiff der Gossenszene aus Hannover. Lost & Found Records brachte in der 80er Jahren eine CD mit ihren verstreuten Aufnahmen und viel unveröffentlichtem Kram heraus, als aus der Band längst die bekannteren, aber ebenso eigenwilligen Boskops entstanden waren. Die Kondensators schließlich haben nie irgendwo was anderes veröffentlicht, sind auch die schlechteste Band der Platte, aber immerhin spielte hier Konrad Kittner (R.I.P.) Bass.

KZ 36 live
"1.Mai live" / Ätztussis "Bullen" / "Linker Spießer" / "Mollies und Steine" / "Liebeslied" / Blitzkrieg "Ohne Zukunft" / "Superkühl" / "Eure Zeitung" / "Freies Land" / "Weg mit den Bullen" / Betoncombo "Gropiusstadt-Endlosfuck" / "Nazis Raus" / "Eltern" / "Einigkeit" / "Kreuzberg" / Kondensators "Maloche" / "Ab ins Beerhouse, 1,2,3" / "Verpiss dich, Du nervst mich"
(LP, ohne Label, 1980)
(download)

Im "Not Rock On"-Blog fragte jemand nach Din-A-Testbild, was interessant ist, weil diese Band zu der genau gleichen Zeit wie die Bands vom KZ 36-Sampler in der Punk-Szene auftauchte, allerdings musikalisch das genaue Gegenteil war, nämlich eine wilde dilettantische Lärmorgie. Hier ist eine Zusammenstellung ihrer frühen Aufnahmen:

1. Roboter (S.O.36 Berlin, 13.8.1978) von der LP "S.O.36 13. August 1978", erschienen 1979 auf Ignition Records, organisiert waren Festival und LP von Knut Schaller von PVC und bezahlt hat die Platte der Künstler Martin Kippenberger, beide schon lange tot. Das Cover bestand aus den Stahlplatten, die aus dem Tanzboden des S.O.36 herausgerissen waren.
Betr.: Schallplatte S.O.36
Dieser Posten mit inhalt soll eines der besten Beispiel der ziellosen Zeit sein. Wo Musik nicht Musik bedeutet, sondern Inhaltslosigkeitsbemühungen Trumpf waren. Forsche Tätigkeiten in der Freizeit wurden ermöglicht durch Werktätige und Arbeitslose aus dem öffentlichen Dienst.
Der Inhalt schlechthin erinnert an eine Schallplatte. Nur Jene die in den leeren Genuß, des von ersichtlich gutaussehenden Junkern zu groß gestaltetem Kinderzimmer im Stadtteil S.O.36 gekommen sind, werden wissen, das dies ein Abprodukt des Veranschaulichungskursklunb war.
Das S.O.36 wurde 1979 geschlossen.
Schade? Nein! Die Zeit lehrt uns, daß es sich nicht nur um Stunden und Tage handelt, sondern Jahre vorzubereiten gilt.
Eines wissen wir: Früher war alles verboten, heute alles erlaubt. Was hat das für uns zu bedeuten, was können wir daraus lernen? Wir lassen nicht jedes vorprogrammierte Zeichen der Zeit über uns kommen, sondern machen Scheiße. Am besten gar nichts.



2. Hiroshima (Markthalle Hamburg, 29.6.1979) von der LP "In die Zukunft - Live", erschienen 1980 auf Konnekschen Schallplatten, zusammengestellt von Alfred Hilsberg, herausgegeben vom auch schon lange verstorbenen Robert Nitz.
Für die experimentellen Bands hatte dagegen das Pogopublikum überhaupt keinen Nerv und griff zu Bierdosen und Flaschen. Materialschlacht, die zusammen mit Din A Testbild musikalisch weiteste Band, hatte darunter zu leiden. (Aus SOUNDS 8/79)
Zu diesem Zeitpunkt war Gudrun Gut (Mania D., Malaria etc.) noch Mitglied der Band.


3. Glas konkav
4. Abfall/Garbage
Die erste (und einzige?) Single von Din A Testbild, 1979 im Selbstverlag herausgekommen:
COME OVER IT'S TIME 1979 80 DIN A TESTBILD LOVES YOU
aufgenommen in Berlin 11.10.1979;
abgemischt in Berlin, 17.10.1979.
Dank an Dr. Wolfgang Heinze!
Eine Produktion von Bürgerlich Productions, Berlin.
Auflage: 1000 Stück.
Nutty Normann bass, git, voc
Ian Wright synthesizers
Marc Eins voc, git, bass
Ralf Z.
(Zimmermann) drums
Jürgen Rommeis
(a.k.a Genee Romee) git, voc
Frank v.d.B.
(von der Beek)> git, synthi
DIN = Abkürzg. f. Deutsche Industrie-Norm
A = erster Buchstabe d. Alphabets; Klassifizierzungskennz. industrieller Produkte
TEST = Prüfverfahren; i. d. Psychologie z. Feststellung von Kenntnissen, Fähigkeiten, Antrieben, Gefühlen
BILD = die Darstellung von Dingen auf einer Fläche; die Gesamtheit v. Lichtpunkten, die durch die Vereinigung von Strahlen entsteht, welche von den Punkten eines Gegenstandes durch ein System v. Linsen u. Spiegeln gehen.
Gedanken speichern sich in unseren Zellen als genetische Information. Ein spiralenförmiger Abdruck chemoelektrischer Umwandlungen im Nervensystem des Gehirns.
Elektronengehirne arbeiten sich Zug um Zug an die Weltspitze der Schachspieler heran. Industrieroboter - die Helden der Arbeiterklasse.
Mein Name ist eine Nummer ein Stück auf einem Plastikfilm. Ich bin die Stimme, die zu dir spricht. Hiroschima - wie schön es war.
Hiroshima. Hiroshima. Tokio!
Sex, Drogen, Millionen, TV
Überall ist Abfall.
1979 - und nichts ist okay.
But the map is not the territory and the word is not the thging itself. It is the totally of such identifications that create the neurotic and the insane induividual.
Realität - das ist die Anerkennung unseres Wahnsinnszustands. Keinen Schmerz mehr empfinden. Denn wir wollen testen.
Berlin, kurz von 1980.
Information in the English language.
Glas konkav - Concave Glass
Abfall - Garbage
Recorded in Berlin 11.10.1979
Mixed in Berlin 17.10.1979
Mixing concept Dr. Wolfgang Heinze
Produced by Bürgerlich Productions, Berlin.
Pressung of 1000 copies.
DIN = Deutsche Industrie Norm, German equivalent of British Standards Institute.
A = first letter of the alphabet.
TESTBILD = test picture.
Ian Wright's hair by SICK BOY
Marc Eins FIRTS LIGHT to the 4th dimension.
WINTER AND SUMMER
THE UNCLES
PUBLIC DEATH, PRIVATE MURDER

Zur Veröffentlichung der Single soll die Band auch in Hannover aufgetreten sein ….?


5. Die Siebziger
6. DNS Of Time
7. No Repeat
8. Urwald-Liebe
9. Age Is A State Of Mind
10. She's So Nice
Diese 6 Titel stammen von der Maxi-Single oder auch Mini-LP "Programm 1", erschienen 1980 auf der Klaus Schulze-Label Innovative Communication.
Vocals and Lyrics by Marc Eins
All music comp. & played by Genee Romee
Recorded at -IC- Studio, Winsen/Aller, September 1980.
Produced by Klaus Schulze and K D Mueller
Mixing by Klaus Schulze at his studio.
Dies ist meine zweite Erfahrung mit "New Wave" (die andere siehe IDEAL, KS 80.004). Aus dem 6-Mann-Chaos der frühen DIN A TESTBILD wurde bei Beginn der vorliegenden Aufnahmen ein gesundes und arbeitswütiges Duo.
Als ich zuerst von DIN A TESTBILD hörte, vernahm ich frische und neue Ideen, die durch das Chaos an Geräuschen klangen. Wir haben versucht, diese Frische und diese Ideen ohne den Müll drumherum herauszukristallisieren. Für mich war das eine neue Erfahrung, für die beiden jungen Musiker ebenfalls (?).
Übrigens kommt DIN A TESTBILD aus Berlin, genau wie ich. Und war in den 70er Jahren Berlin die Wiege der inzwischen weltberühmten deutschen Elektroniker, so hat es den Anschein, als würden die 80er etwas ähnliches für die neuen Musiker aus Berlin.
Klaus Schulze, Sept. '80



Der Review von Alfred Hilsberg aus SoundS 12/80 fast den Unterschied zwischen den ersten 4 Aufnahmen und der Mini-LP perfekt zusammen und ist so treffend, dass ich dem nichts hinzufügen möchte: "Es gab einmal eine Gruppe aus Berlin; sie machte, zu sechst, ganz experimentell, wild klingende, teils elektronische Geräusche. Sie hieß Din A Testbild. Mir liegt hier eine Platte vor mit dem gleichen Gruppennamen. Aber dieses perfekte, glatte Produkt hat mit den frühen Geräuschen nichts mehr zu tun. Klaus Schulze hat produziert, und so ist die Eigenständigkeit einem technisch hochstehendem, internationalen Sound-Standard gewichen. Nichts daran ist aufregend, lustig, fremd, schwer... Der Titel der Platte sagt alles: Programm 1. Von den frühreren Testbildern sind zwei übrig: Marc Eins und Genee Romee. Mit ist unverständlich, wie die beiden und die Ex-Mitglieder sich einen Cover-Text wie folgt gefallen lassen: ‚Aus dem 6-Mann-Chaos der frühen Din A Testbild wurde bei Beginn der vorliegenden Aufnahmen ein gesundes und arbeitswütiges Duo...vernahm ich frische und neue Ideen, ohne den Müll drumherum herauszukristallisieren...' Gezeichnet Klaus Schulze. K.S. rein, Chaos raus. Das wär's."
Zur Din A Testbild Discografie
(download)

Summary: Here are 2 files from records from Berlin from 1979 and 1980. First is the "KZ36"-LP, which is a live recording with 4 bands, the all female Ätztussis and Betoncombo from Berlin and Blitzkrieg and Kondensators from Hannover. This is classic angry and politically left-wing punk, not punk rock. Remember, these were the times when Berlin was surrounded by The Wall and Berlin was a magnet for all kinds of drop-outs from West Germany, like David Bowie and Iggy Pop. Marc Eins was a waiter serving tea for both of them and forming the band Din A Testbild together with Gudrun Gut, who later became notorious with Mania D and Malaria. I put together all the stuff I know from the early incarnations of Din A Testbild and they are pretty diverse. The first 2 tracks are live recording from 1978 and 1979, then there are the 2 tracks from their one and only 7"-release. These tracks demonstrate the wild experimental sound of the original band. Soon after the single the band was reduced to a duo and produced by Klaus Schulze (ex-Tangerine Dream), who was definitely one of the most hated boring old farts. And the record "Program 1" shows why: its pretty dull and uninspired sequenzer stuff. Like Schulze described it in the liner notes: "When I first heard Din A Testbild I noticed new and fresh ideas coming through a chaos of noises. We tried to seperate the new ideas and the freshness from the surrounding garbage." Which was a BIG mistake, because the garbage of sound was the main achievement of the band. And that is the connection with the bands from the KZ36-LP.

6.11.06

Tribute to Orang Aural

squeezorang macht seinen Orang Aural-Blog dicht, daher als Dankeschön ein paar musikalische Spezialitäten:


This Heat "Pool" vom der Doppel-LP "Recommended Record Sampler Double LP - New Music from" von 1982. "Pool" ist nach meiner Kenntnis auf keiner anderen This Heat-Platte zu finden. Auf dem Cover der Doppel-LP werden 4 Platten in der Diskografie von This Heat aufgezählt, darunter eine Single namens "Greenfingers" - ist die je erschienen? Ich weiß, daß es "Greenfingers" von Camberwell Now gibt. Eine Diskografie von This Heat findet ihr hier.


The Red Crayola With Art & Language "Rattenmensch Gewichtswächter" / "Zukunftsflieger"
Dies ist eine Single, die 1981 bei Konkurrenz Schallplatten/Phonogram in Deutschland erschienen, laut Cover lizenziert von Rough Trade, produziert von Adam Kidron + The Red Crayola und die deutsche Übersetzung des Textes stammt von M. MyLing. Leider ist mein Exemplar etwas kratzig. Es soll auch eine unveröffentlichte englische Version dieser Single geben ("ratman the ratcatcher"/"days of future pilots"), war angeblich als RT078 geplant. Ob die gleichen Versionen auch auf der "Singles"-CD sind entzieht sich meiner Kenntnis...

RATTENMENSCH GEWICHTSWÄCHTER
Rattenmensch muß sein 'dick' verlieren
Rattenmensch der Gewichtswächter
'dick' Wächter
Rattenmensch ißt zwei Mahlzeiten
Rattenmensch der Vollgefressene
'dick' Erwerber
Rattenmensches Vetter Richard:
Rattenmensch, Dick und Sie
Dick und Sie
Richard ist Rattenmensches 'dick'
Richard ist der dicke Mann
Großer Liebhaber
Rattenmensches dick' ist Richard
Rattenmensch der Dick Wächter
Gewichtswächter
Rattenmensches 'dick' ist sein Fett
Rattenmensch hat einen Liebhaber
Geheimliebhaber
Rattenmensch weiß - Sie mag Dick
Dick ist kein Gewichtswächter
Vollgefressener
Rattenmensch ist der Gewichtswächter
Rattenmensch muß sein 'dick' verlieren
Dick Wächter
Rattenmensch der Gewichtswächter
Rattenmensch muß sein 'dick' verlieren
Dick Wächter



ZUKUNFTSFLIEGER
Das Meer funkelt im Sonnenlicht
Drei gebräunte Knaben in Furcht und Entzücken
Völlig gefesselt von einem Bomber im Flug
Staunen in die Luft
Hingerissen vom Anblick
Dies sind Zukunftsflieger
Sie werden nie sterben
Dies sind Zukunftsflieger
Sie werden eines Tages fliegen
Dies sind Zukunftsflieger
Sie werden eines Tages fliegen
In einer Überschallmaschine
Weit in die Luft hinein
Dies sind Zukunftsflieger
die werden immer versuchen
Ihren Traum wahr zu machen
Zum Steil- und Sturzflug zu fliegen
Sie haben alle die Erscheinung
Sie werden eines Tages fliegen
Sie sind alle koordiniert
Sie werden nie sterben
Sie sind alle Leute die aufwachsen
Sie werden eines Tages fliegen
Sie werden Technologie beherrschen
Sie werden nie sterben
Dies sind Zukunftsflieger
Sie werden eines Tages fliegen
In einer Überschallmaschine
Und sich nie wundern wie, weshalb, warum
Dies sind Zukunftsflieger
Sie werden eines Tages fliegen
Dies sind Zukunftsflieger
Sie werden weiße Streifen ziehen in der Luft



Wie auch andere Städte in Deutschland hat die Stadt Langenhagen (im Norden von Hannover) 1976 eine Schallplatte herausgebracht, vermutlich als Geschenk für Gäste der Stadt oder auch zur Werbung bei Unternehmen zur Ansiedlung ihrer Betriebe in Langenhagen. Meistens sind auf diesen Platten nur Chöre und Blasmusik zu hören, zumindest in Niedersachen, aber die LP "Musik in Langenhagen" spannt den Bogen etwas weiter: von Blasmusik (der unvermeidliche Ernst Müller) über Männerchor und Musikschul-Ensembles geht es zur - schon anspruchsvoller - Interpretation alter und geistlicher Musik und endet - unglaublich - bei Free Jazz! Hier kommt das Christmann-Schönenberg-Duo vom "New Jazz Workshop Langenhagen" mit der Improvisation "Tanka". Update: "Tanka" ist auch unter Hohe Ufer Konzerte zu finden.

Kommentare sind sehr erwünscht!


Summary: As the Orang Aural-Blog is closing down I'm offering as a "Thank You" some weird stuff like a rare track from This Heat: "Pool" from the "Recommended Record Sampler Double LP - New Music from" double album from 1982 - by the way: the cover mentions a single release from This Heat entitled "Greenfingers". Has anybody ever seen it?
Next is a 7" by The Red Crayola, released in 1981 through Konkurrenz Schallplatten in Germany and entirely sung in german language, although the name of the translator is M. MyLing, which doesn't sound german at all.
Finally from an album from 1976 entitled "Musik in Langenhagen" comes a Free Jazz track called "Tanka" by the Christmann-Schönenberg-Duo. You might be interested to know, that this bizarre album was probably released by the town of Langenhagen (north of Hannover) as a present for guests of the city or as a promotional gift for companies interested in building factories in Langenhagen and that the other tracks range from brass music and local choirs up to classical music.
I would be happy to receive any comments about these tracks.

4.11.06

Aufräumen

In den letzten Wochen haben sich eine paar kleine Ideen angesammelt, die nicht so recht ein ganzes Posting ergeben wollen, weil ich nicht sonderlich viele Worte über sie verlieren kann.


Da wäre zum einen diese Single "Original Steinhuder Fischerlieder" von Walter Wulf (Gesang) und Hans Christian Schweer (Bearbeitung und Begleitung) mit dem Lied "Mein Schatz ist eine Fischerin", die zunächst nur langweilig war, weil kein Shanty-Chor, sondern nur eine einzelne Stimme mit Akkordeon-Begleitung. Beim zweiten Hören fiel mir dann aber dieser *** Text auf, und ich hoffe, dieses Zitat gibt nicht zuviel von der bizarren Mischung aus Text und Interpretation preis: "Nun sind wir schon, nun sind wir schon ein älteres Paar, dann wird es ja, dann wird es ja mit der Liebe schon rar, fragt meine liebe kleine Frau, sie weiß es ganz genau, dass ich auch als älterer Mann, noch schaukeln kann".


Ebenfalls Akkordeon spielt Andreas Rebers, der am 5. Oktober in der Sendung Scheibenwischer (ARD) mit seinem Volksmusikhit "Selbstmordattentäter" zu begeistern wusste. In die Zip-Datei habe ich noch die Motive zu den von ihm erwähnten T-Shits gepackt.


Schließlich noch den schöne Stück "Dupscheck" von Otto Waalkes LP "Das Wort zum Montag" von 1977, eine wunderschöne Spielerei mit den Namen damals bekannter Politiker. Leider habe ich seine spätere "künstlerische" Karriere nur oberflächlich verfolgt, weiß also nicht, ob er je wieder solch ein Kleinod produziert hat. Vielleicht kann mir jemand einen Tipp geben?



Summary: Here are some files, that might only be interesting for german speaking people, like this naughty shanty by Walter Wulf and Hans Christian Schweer (accordion), like the sketch "Suicide bomber" by Andreas Rebers which mixes german Volksmusik with political jokes about Islamic terrorists, and like this little ditty "Dupscheck" by legendary german comedian Otto Waalkes...

2.11.06

Straßenkunst


Hannover war mal eine ziemlich progressive Stadt, zu der Zeit als auch die SPD noch fortschrittlich war - oder die Wähler ihr das noch glaubten. In den 70er Jahren gab es in Hannover das Projekt "Straßenkunst" mit im öffentlichen Raum aufgestellten moderne Plastiken. Am Anfang gab es einen ziemlichen Aufruhr wie z.B. über die Nanas. Heute lieben alle Hannoveraner diese Plastiken, spenden Geld zur Restaurierung und die SPD Hannover hat sie sogar in ihr Logo aufgenommen.


Dagegen ist das Projekt "Straßenkunst" selbst fast vergessen und Versuche, es neu aufleben zu lassen gehen auch prompt in die Hose. Der sogenannte "Aegidienwald" entpuppt sich bei genauerer Betrachtung m.E. nur als postmoderner Schrott. 28 Fahnenstangen mit Windbeuteln sollen offenbar einen Birkenwald darstellen, vielleicht auch das Fehlen der Natur in der Stadt thematisieren, sehen aber nur wie mit Dalmatinermuster und schlechter Camouflage bemalte Windhosen aus und regen weder auf noch geben sie Denkanstöße. Schließlich unterscheiden sie sich kaum von dem Rest der postmodernen Fassaden in der Umgebung und Bäume fehlen auch nicht im Stadtbild von Hannover. Kein Witz, keine Provokation, kein Verfremdungseffekt - aber vielleicht ist es ja ein Statement darüber, dass es dem Künstler von heute kaum noch möglich ist, außerhalb der Gesellschaft zu stehen ohne gleich wie Jonathan Meese zu enden und alle Kunst, die gezeigt wird, zum Kotzen zu finden.


Summary: Some thoughts about art objects outside museums and art galleries, especially in Hannover ...