8.6.09

Europawahl 2009 - Wahlhelfer


Wie sagte doch Monsieur Verdoux (alias Charlie Chaplin in "Der Frauenmörder von Paris") auf dem Weg zur Guillotine, als ihm ein letzter Schnaps angeboten wurde: "Man sollte alles im Leben einmal probiert haben". Und so wurde ich Wahlhelfer, zwar nicht freiwillig, aber doch ohne großen Widerstand. Ich verstehe nicht, warum sich Leute vor dieser staatsbürgerlichen Pflicht drücken, was ist schlimm daran, 3 bis 4 Stunden lang Wahlzettel an Wähler auszugeben? Auch Wahlvorstand (Wahlbenachrichtigungen in Empfang nehmen und zählen) und Schriftführer (Wähler im Wahlverzeichnis abhaken) ist nun nicht unbedingt Schwerstarbeit, wenn man für alle Notfälle noch die Telefonnummer der Verwaltung in der Hinterhand hat. Ansonsten keine besonderen Vorkommnisse, außer dass etliche offenbar erst mal alle Parteinamen auf dem Wahlzettel durchgelesen haben, jedenfalls haben sie länger als 1 Minute gebraucht, sich für eine Liste zu entscheiden. Auch kann man hören, wer den ganzen Zettel durchstreicht. Hey, einfach mal andere Gesichter sehen als immer nur die gleichen Sportschau-Moderatoren. Und für die Lindenstraße gibt es ja DVD-Recorder, nicht wahr? Zudem, Wahlzettel zählen ist auch nicht so wild, wenn 10 Leute zusammenarbeiten. Okay, Europawahl ist einfach, nur 1 Stimme pro Wähler und geringe Wahlbeteiligung, da war das Auszählen mit allen Kontrollen und Protokollen nach weniger als 1 Stunde vorbei. Die Ergebnisse, soweit mein löchriges Hirn noch mitspielt: von 926 Wahlberechtigten (ohne 90, die schon vorher Briefwahl gemacht hatten) kamen 417. Davon gaben 86 der CDU die Stimme (einschließlich ein Wahlzettel, wo die Listennummer angekreuzt war), 114 SPD, 134 Grüne, 36 FDP und 14 Linke, sowie 26 Sonstige wie Tierschutz (3)/REP (2)/Familie (1)/Volksabstimmung (1)/Frauen (3)/PBC (1)/DVU (2)/Freie Wähler (1)/RRP (2)/Rentner (3) (okay, die Zahlen habe ich jetzt von hannover.de übernommen), sowie erstaunliche 7 Stimmen für die Piratenpartei. Was übriges ein hannoverweites Phänomen ist, denn die Piratenpartei ist mit 1,21 % die sechsstärkste Partei geworden. Auch in der Region Hannover hat die PP mit 0,92% den Rang 6 gemacht, niedersachsenweit ist sie auf Platz 7 (0,8%) hinter der Tierschutzpartei gelandet und bundesweit mit 0,9% auf Rang 10 oder 11, je nachdem ob man die CSU zur CDU dazurechnet oder nicht (hier kommen nach CDU/SPD/Grüne/FDP/Linke/CSU vor der PP noch Freie Wähler, REP, Tierschutzpartei und Familienpartei). Da scheint echt Potential in dem Parteinamen zu liegen (vielleicht alles ex-APPD-Wähler?). 7 Stimmen waren übrigens ungültig, entweder kein Kreuz oder alles durchgestrichen oder "No Vote" draufgeschrieben, sowie 1 Zettel, wo der Kreis hinter der CDU so komisch markiert war, dass es wie Stimmabgabe rückgängig gemacht aussah. Apropos ungültige Stimmen: ich verstehe nicht, wie Leute, die mit Politik und Parteien unzufrieden sind, einfach nicht zur Wahl gehen. Da für die Sitzverteilung in den Parlamenten nur die gültigen Stimmen gezählt werden, heißt seine Stimme nicht abgeben einfach, dass man keinen Einfluss auf das Parlament nehmen will, also objektiv, dass man mit jedem Wahlergebnis einverstanden ist. Okay, auch die ungültigen Stimmen haben keinen Einfluss auf die Sitzverteilung, aber sie tauchen in der Statistik auf und sind zumeist nicht einfach fehlerhaft ausgefüllte Stimmzettel, sondern bewusste Protestentscheidungen gegen alle Parteien, wie ich beim Auszählen selbst gesehen habe. Also kann die Antwort für alle Protestwähler nur lauten: ungültig wählen statt nicht wählen. Und wenn plötzlich der Anteil ungültiger Stimmen bei Wahlen auf 10% und mehr steigt, dann freue ich mich schon jetzt auf die dann entstehenden politischen Diskussionen.
PS: Ganz merkwürdig, nach dem Ende des Auszählens in meinem Wahlbezirk hat mich das Ergebnis der Europawahl insgesamt irgendwie nicht mehr interessiert.

Keine Kommentare: