3.8.06

Kommunalwahl 2006 – Lasst uns (nicht) über Gott sprechen


Stadtkind ist ein Hannover-Magazin, dass es seit gut einem Jahr gibt. Im Gegensatz zu Prinz und Schädelspalter ist es sehr kultur-orientiert, soll heißen hier gibt es keine Textbröckchen, sondern seitenlang Dilettanten-Journalismus im Sinne von Dilettant gleich Liebhaber ohne professionellen Zynismus. Dafür hat Stadtkind kein Layout – und die CD-Besprechungen sind auch nur gesampelte Promotexte ohne tiefere Reflektion. Politik findet eher weniger statt, es sei denn Wahlen stehen an. Deshalb hat die Redaktion einen Fragebogen an die 5 Kandidaten für die Nachfolge von Oberbürgermeister Herbert “100 Jahre” Schmalstieg, sowie an den Chef der FDP (die keinen eigenen Kandidaten aufgestellt hat, um dem CDU-Kandidaten keine Konkurrenz zu machen) gestellt. Das Ergebnis? Erschreckend! Auf die Frage “Glauben Sie an Gott?” antworten alle mit ja! Die grüne Kandidatin faselt irgendwas von “spirit” und bestätigt damit alle bösartigen Vorurteile über Hippies und Ökos, der Kandidat des SPD-Ablegers “Bündnis für soziale Gerechtigkeit”, antwortet “Ja, war aber nicht immer so”, was bedeutet, dass er als Erwachsener erneut zum Glauben gefunden hat, und ein Hinweis auf beginnenden gefährlichen christlichen Fundamentalismus sein könnte. Ganz schlimm aber der Kandidat von WASG/Linkspartei, der auf die Bergpredigt verweist und sich zudem noch als Freimaurer outet. Leben wir in Zeiten der Re-Christianisierung, dass sich keiner mehr öffentlich traut zuzugeben, dass ihm Gott egal ist oder er gar nicht an seine Existenz glaubt, weil er sich sonst soziale Nachteile einhandeln würde? Und wie groß ist der soziale Druck auf Politiker, dass sie es nicht wagen, die Antwort auf eine solche private Frage einfach zu verweigern? Offenbar ist Religion in Deutschland keine Privatsache mehr trotz der im Grundgesetz festgeschriebenen Trennung von Kirche und Staat. Oder um es provozierend überspitzt auszudrücken: alle 6 Befragten haben sich mit ihren Antworten auf die Frage nach dem Glauben an Gott als potentielle Verfassungsfeinde geoutet, die im Falle von Konflikten eher die Bewohner von Hannover als ihren Glauben verraten würden.

Der Stadtkind-Fragebogen hat noch 19 weitere Fragen, die u.a. nach Treue, persönlichen Ängsten, türkischen Freunden und Punkten in Flensburg fragen, also alles Fragen zum Privatleben der Kandidaten, die den Wähler eigentlich nichts angehen. Warum macht die Redaktion von Stadtkind das? Sind sie unpolitisch und doof? Dafür sprechen u.a. die Fragen “Ist Deutschland ein Einwanderungsland?” und “Wie sinnvoll sind Einbürgerungstests?”, weil politische Entscheidungen zu diesen Fragen auf Bundes- und Landesebene zu fällen sind, aber nicht auf kommunaler. Und die Frage “Sind 17 Minuten ein Streikgrund?” macht sich einen einseitigen populistischen Kampfbegriff aus einem zurückliegenden Arbeitskonflikt zu eigen, der für die zukünftige Gestaltung von Hannover keinerlei Relevanz mehr hat. Überhaupt: ist die Kommunalpolitik in Hannover eigentlich nur noch langweilig und konfliktfrei? Denn Fragen nach den zukünftigen Gestaltung von Hannover fehlen vollständig. Die Mehrzahl der Fragen an die Politiker ist rein privat und unterbewusst liegt dahinter der Glaube, dass ich demjenigen Menschen mehr Vertrauen entgegenbringe, dem ich mich sozial näher fühle als einem Menschen aus anderen sozialen Schichten oder ethnischen Gruppen (die Theorie entstand bei der Untersuchung der Frage, warum Menschen mit Arbeiterklassenhintergrund trotz hoher Qualifikation so selten in den Führungsetagen deutscher Unternehmen zu finden sind und erklärt damit auch, warum Menschen aus unteren sozialen Schichten (Joschka Fischer, Gerhard Schröder) eher eine Karriere in der Politik anstreben). Ob diese Art von Vertrauensvorschuss richtig ist wage ich zu bezweifeln, jedenfalls trägt ein solcher journalistischer Ansatz dazu bei, politische Konflikte zu personalisieren anstatt zu versachlichen. Das Ergebnis ist eine zunehmende Entdemokratisierung der Gesellschaft und stattdessen Ausrichtung auf das Führerprinzip. Die Stadt-Redaktion hat sich jedenfalls als Teil der großen Kampagne zur Entpolitisierung und Verblödung der deutschen Bevölkerung entlarvt.

Nachtrag 28.8.: Warum die Redaktion nicht auch den unabhängigen Kandidaten Karl-Heinz Siemer befragt hat entzieht sich meiner Kenntnis, vermutlich nicht sorgfältig genug recherchiert im Vorfeld?
Und wenn schon der FDP-Spitzenkandidat für die Ratswahl dazugenommen wurde, warum nicht auch die Spitzenkandidaten von “Wir für Hannover” und von AktionSozial? Ach ja, es gibt auch Kandidaten von den Republikanern, der Pogo-Partei, der Partei bibeltreuer Christen und der Polnischen Wählergruppe Hannover für den Rat. Nur so am Rande...

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