2.7.06

Der Roider Jackl


Vor 2 Wochen lief Sonntag abend im Bayrischen Fernsehen eine Sendung über den Roider Jackl, einen bekannten bairischen Gstanzl-Sänger. Warum sollte mich das mich interessieren? Nun, was mich immer etwas nervt ist die Traditionslosigkeit deutscher Rock- und Popmusik, dieses ewige Schielen auf den anglo-amerikanischen Markt. (Hey, es gibt auch einen französischen Markt (Chanson), italienischen Markt und sogar einen russischen Markt, wo ja Modern Talking wie geschnitten Brot sich verkaufen soll.) Interessanterweise sind es doch gerade Musiker, die nicht Dylan, Springsteen und Co. nachmachen oder die bewusst teutonisch rüberkommen, die international Interesse an deutscher (Rock-/Pop-)Musik erregen. Ich sage nur Can, DAF, Rammstein oder Kraftwerk. Andererseits verstehe ich ja, dass keiner etwas mit Musik zu tun haben will, die so klingt wie der volkstümelnde Dreck der Nazis. (Dass dabei auch vieles anderes den Bach runtergeht haben ja schmerzhaft Maler erfahren, die nach 1945 versuchten, mit gegenständlicher Malerei zu überleben.) In den 1970er Jahren gab es verschiedene Gruppen, die statt Rock'n'Roll an ältere deutsche Musiktraditionen anknüpfen wollten wie z.B. Novalis oder Ougenweide, aber deren Inspiration lag oft mehr als 100 Jahre zurück, war oft akademisch (Lieder in althochdeutsch vortragen) oder gleich wieder politisch ausgerichtet wie bei den Schmetterlingen. Ausnahmen wie Achim Reichel mit seinen angerockten Shanties bestätigen nur die Regel - und über den unter dem Etikett "Volxmusik" laufenden Fun-Punk hüllen wir mal lieber den Mantel des Schweigens. Dabei bieten sich ja Anknüpfungspunkte im 20. Jahrhundert an, wie die großstädtischen Lieder einer Claire Waldoff oder der Comedian Harmonists, aber auch aufmüpfige Volksmusik, wie sie dankenswerterweise vom Trikont-Label in der Reihe Rare Schellacks vor dem Vergessen gerettet werden. Dass dabei besonders viel aus Bayern und München ausgegraben wird hat auch damit zu tun, dass gerade die bayrische Volkskultur ein sehr eigenständiges Profil hat, stärker als in anderen deutschen Regionen. Es gibt ja auch heutige Künstler, die ziemlich erfolgreich mit dieser bayrischen Kultur umgehen wie z.B. Biermösl Blosn oder Hans Söllner. Nennt mir mal Beispiel aus anderen deutschen Gegenden die so was schaffen. BAP? Dylan-Kopie mit fantasie-kölschen Dialekt. Bläck Fööss? Elektrifizierte Karnevalslieder. Mundartrocker wie Rodgau Monotones? Rock mit Dialekt, wo ist da die Anknüpfung an eine ältere (Volks-)Musikkultur? Ich will nicht Rock'n'Roll verdammen, aber wie sagte schon Mao: "Ein Volk ohne Kultur ist ein unwissendes Volk. Und ein unwissendes Volk kann dem Feind nicht widerstehen." Oder so ähnlich. Wobei der Feind nicht Amerika ist, sondern Hollywood, diese alle Kulturunterschiede gleichmachende Soße. Und was sagten die Residents? "Ignorance of you culture is not considered cool". Es gibt in der volkstümlichen Musik (nicht im volkstümelnden Schlagerdreck, wie er von einer Hackfresse wie Florian Silbereisen kübelweise aus der Glotze geschüttet wird, auch nicht im sterilen Wiederholen akademisch kodifizierten Liedguts der Fischerchöre oder von Ernst Mosch - immer wieder das Kufsteinlied, immer wieder der Fridericus-Rex-Grenadiermarsch) durchaus Anknüpfungspunkte für Musiker, die nicht im luftleeren Raum auf der Suche nach ihrem persönlichen Stil sind.

Vor 2 Wochen lief Sonntag abend im Bayrischen Fernsehen eine Sendung über den Roider Jackl, einen bekannten bairischen Gstanzl-Sänger. Jakob Roider wurde am 17. Juni 1906 in Weihmichl bei Landshut als 16. Kind auf dem Selmer-Hof geboren. Gesungen wurde in der ganzen Familie, meistens zusammen mit den Nachbarn abends bei Hopfenzupfen. Bereits mit 5 Jahren tritt er in Wirtshäusern auf, auch zusammen mit seinem Bruder. Mit 17 Jahren geht er nach Garmisch und wird Hausschreiner in einem Hotel. Auch das Jodeln will er dort erlernen, was aber nicht klappt. 1927 verpflichtete sich Jackl für zwölf Jahre zum Dienst bei der Reichswehr, eine Lebensplanung, die damals soziale Sicherheit und anschließend eine Stelle als Beamter in Aussicht stellte. Nebenher ging er aber weiter seiner Karriere als Sänger nach und 1930 kam es zu erstem Aufnahmen für den Rundfunk in München zusammen mit seinem Bruder Wastl (der den elterlichen Hof übernahm und später Bürgermeister in Weihmichl wurde. Seine Wahlrede damals ging wie folgt: "Oans sogi eich glei, g'ändert werd nix."). 1931 tritt Jackl beim niederbairischen Preissingen in Landshut auf und belegt den 2.Platz. 1939 schloß er seine Ausbildung als Förster ab und wollte in den bayrischen Staatsdienst wechseln, aber der 2. Weltkrieg kam ihm in die Quere, allerdings musste er als Ausbilder nie an die Front. Nach dem Krieg wurde Jackl Förster in den Isarauen in Freising-Lerchenfeld, wo er sich auch ein Haus baute (ein billiger Bauplatz im Überschwemmungsgebiet, wie sich im Sommer 2005 mal wieder deutlich zeigte). Zu dieser Zeit begann er auch nicht nur die althergebrachten Gstanzl und Lieder zu singen, sondern eigene Texte zu verfassen, die sich mit der aktuellen Politik beschäftigten, was ihm auch bald regelmäßige Auftritte im Rundfunk einbrachte, sowie Lob von Karl Valentin . Berühmt wurde der Jackl besonders für sein regelmäßigen Auftritte zwischen 1954 und 1974 auf dem Nockherberg beim Salvator in München, wo regelmäßig die anwesenden Politiker mit Spottversen bedacht wurden. Neben besonderen Anlässen und Rundfunksendungen trat Jackl auch regelmäßig bei jeglichen Veranstaltungen in ganz Bayern auf, etwa jedes 2. Wochenende. Er lies sich nie parteipolitisch vereinnahmen und war zudem ein leidenschaftlicher Gegner des Baus des Münchner Großflughafens im Erdinger Moos direkt vor seiner Haustür in seinem alten Revier. Der Roider Jackl starb am 8. Mai 1975 in Freising.

Vor 2 Wochen lief Sonntag abend im Bayrischen Fernsehen eine Sendung über den Roider Jackl, einen bekannten bairischen Gstanzl-Sänger. Gstanzl sind zumeist Steigreif-Spottverse, mit denen sich die Burschen im Wirtshaus gegenseitig anstachelten, den Freestylen und Batteln der Rapper nicht unähnlich. Der Roider Jackl aber hat seine Gstanztl sorgfältig verfasst, auch für spezielle Anlässe wie seine regelmäßigen Auftritte auf dem Nockherberg oder spezielle Rundfunk- und Fernsehsendungen. Er war ein genauer Beobachter des Wandels der bäuerlichen Kultur nach dem 2. Weltkrieg, er war nicht abgehoben oder intellektuell, sondern bodenständig, was ihn aber nicht an deutlicher und bissiger Kritik an den Großkopferten, den Politikern jeglicher Couleur hinderte. Ich habe versucht, die Musik und ein paar der Texte aus der Sendung zu extrahieren und in mp3s zusammenzufassen. Für diejenigen, die Schwierigkeiten mit der bairischen Sprache haben, obwohl Jackls Dialekt eigentlich eher zahm ist, gibt es Stichworte zum besseren Verständnis:

Teil 1: Einleitung / Erzählung, wie Jackl als 3jähriger in die Jauchegrube gefallen ist / über Gstanzel / ? / über Nazis und Demokratie / wann regieren eigentlich Politiker / immer lustig gewesen und Mädchen gehabt / alte Aufnahme zusammen mit seinem Bruder Wastl / über die Jäger. (download)

Teil 2: lieber allein als mit der Masse singen / über den Alkoholgehalt des Salvatorbiers / heuer ist Wahljahr / Christen in den Parteien / über das Alter des damaligen Bundeskanzlers / Erzählung über das Hamstern in der Nachkriegszeit / Politiker müssten selbst in den Krieg ziehen / noch mal über das Salvatorbier. (download)

Teil 3: Erzählung, wie viel er als Humorist mit Gstanzeln über Politiker verdient / noch mal über das Alter des damaligen Bundeskanzlers / über Adolf Hitler / über die Wahrheit / über den damals geplanten Großflughafen Erdinger Moos / "bei de Politiker gehts ja hauptsächlich nur um die Macht, ja rein aus Liebe zu Volke werd von dene ja ganz selten was gmacht" / über den Bayrischen Rundfunk / Abschied / Bayrisches Paradies / Fernsehen führt zu Hirnschwund. (download)

Wer mehr hören will sollte zu einer der 5 CDs mit historischen Aufnahmen greifen, die sein Sohn herausgebracht hat. Es gibt auch eine eigene Webseite: http://www.roider-jackl.de/. Weitere Informationen finden sich unter http://de.wikipedia.org/wiki/Roider_Jackl, http://www.br-online.de/land-und-leute/himmel/musik/2003/0316.html und http://www.br-online.de/land-und-leute/himmel/aktuell/2003/0316.html.

PS: Die Sounddateien liegen bei rapidshare, die aber seit kurzem die dumme Angewohnheit, dass zwischen den einzelnen downloads immer 80 Minuten liegen müssen. Vor einigen Tagen gab es noch eine maximale Größe aller Dateien, die in einer Stunde runtergeladen werden durften, aber jetzt ist die Größe der einzelnen Datei egal :-(. Ob rapidshare es durch diese ständig zunehmende Drangsalierung schafft, Leute zu Premium-Accounts zu "überreden"?

Kommentare:

Jörg hat gesagt…

Ich bin Niedersachse, habe aber die Sendung auch gesehen, sehr simmbadisch!
Mit rapidshare habe ich auch schlechte Erfahrungen gemacht, ich nutze jetzt für mein blog http://not-rock-on.blogspot.com/
nur noch http://s1.11mbit.in/ , da kann man Files bis 40 MB hochladen, und die bleiben da für 45 Tage.
Ich krieg da leider kein Geld dafür, kann das aber trotzdem uneingeschränkt empfehlen.
Einen Link auf meinem Blog gibt's natürlich auch, vielleicht kannst Du ja auch was damit anfangen!
Grüsse,
Jörg aus Wilhelmshaven!

el cheffe hat gesagt…

Hui, das den jemand außerhalb des Weisswurschtäquators kennt - bin überrascht!