4.5.08

Sunny Logemann

Leider hat sich bisher niemand mit Hinweisen zu Sunny Logemann gemeldet, daher hier nochmal der Text von der nicht mal mehr im Internet-Archiv zu findenden Seite "http://members.aol.com/gueka19/homepages/sunny.htm", vielleicht passiert ja jetzt man was?

Sunny is as dynamite

Von Gaukeli [19. Dezember 2003]

Ein Hamburger Musikjounalist und Plattenladenbesitzer bot drei Sunny Singles von 1977 an. Es würde sich dabei um Eigenproduktionen aus Köln handeln, er hatte die Platten sogar der New Wave zugeordnet und meinte möglicherweise sei Sunny durch The Shaggs inspiriert, hinter NDW hatte er ein Fragezeichen gesetzt. Ich war neugierig geworden, klang doch alles sehr seltsam. New Wave / 1977 in Köln / als Eigenproduktion -- nichts paßte. Was ich von dieser Zeit aus Köln gehört habe, war weißgott nicht New Wave. Ich denke dabei eher an SW-Bilder und schlecht rieschendes Papier.

Ich kaufte also zwei dieser Singles. Die zeitlich zuerst erschienene beinhaltet die Titel "Devilschap" und "He's A Romeo", die zweite "Rock & Roll is as Dynamite" und "Down to the Sea". Auf dem Cover sieht man Sunny, eine junge Frau mit lockigen schulterlangen Haaren, nicht gerade hübsch, T-Shirt, Schlaghose und eine billige Akustikgitarre. Sie steht da, wie ein Rockstar, allerdings vor dem Backsteinhaus der Eltern in Erkelenz oder Puhlheim-Stommeln. Da wird kein Glamour vorgetäuscht. 'Hey, wir wohnen hier', ruft uns Sunny entgegen, ‚und ich habe eine richtig gute Gitarre.' Fehlt nur das Autogramm mit dickem Eding: 'In Love SUNNY'. Wer wohl diese Frau ist? Als Komponist wird bei allen Stücken eine Person namens "Logemann" genannt, auf der zweiten Single steht dies auch auf dem Cover. "Sunny Logemann"?

Wie mochte die Musik wohl klingen? Wie The Shaggs, von denen Claudia Kaiser in ihrem Buch "Rocken & Hosen" geschrieben hatte, von denen ich aber bisher noch gar nichts gehört hatte. 1967 hatten die Schwestern Betty, Helen und Dorothy Wiggin die Band The Shaggs gegründet. Der Vater schleppte sie in ein Studio, bezahlte die Plattenherstellung, doch der Dienstleister verschwand mit Mr. Wiggins Geld und mit den Platten. Trotzdem kamen einige Platten zu Radiosendern und man spielte sie dort auch. Frank Zappa soll The Shaggs gut gefunden haben, die New York Times hielt die Platte für das "beste schlechteste Rockalbum aller Zeiten". 2000 wurden die Aufnahmen dann auf CD wiederveröffentlicht (The Shaggs, Philosophy of the World, RCA Victor). Dies alles klingt sehr nach genialem Trash, nach 'das ist lustig'. Aber wie würde Sunny klingen? Und war Sunny von The Shaggs inspiriert? Nein, glaube ich nicht. Ich legte also "Devilschap" auf. Was ich dann hörte war unfaßbar, übertraf meine Erwartungen um Längen. So etwas Schlechtes hatte ich noch nie auf Platte gehört.

Sie spielt die Gitarre als hätte sie stundenlang geübt, würde aber erst den ersten Tag Gitarre spielen. Wobei spielen übertrieben klingt und eher im kindlichen Sinne gemeint ist. Dazu hört man eine Rassel und Sunny singt -- irgendetwas. Pling-Plong-Pling-Devilschap-Rassel-Pling-Plang. Auf der B-Seite nun "He's A Romeo": Gleiche Musik, andere Text, Sunny jammert fürchterlich "he's a Romeeeeo". Diese Single sollte man wirklich als Frühwerk ansehen. Bei "Rock & Roll is as Dynamite" wurde ich dann ein wenig überrascht: Sunny spielt Gitarre als hätte sie einen weiteren Nachmittag geübt, es hätte aber immer noch nichts geholfen, Gitarre kann sie nicht spielen. Dafür schreit sie hier nun richtig gut trashig: "Rock & Roll is as Dynamite - Rock & Roll is as Dynamite - Rock & Roll is as Dynamite". "Down to the Sea" überrascht dann mit so etwas wie einer Mundharmonika oder irgendso einem Kinderblasinstrument, die Gitarre dezent im Hintergrund. Der Text ist wie immer minimalistisch, eigentlich trällert Sunny nur den Titel. Dieses ständige wiederholen erinnert mich ein wenig an "I'm free" von The Petticoats.

Im Internet findet man zu Sunny gar nichts, auch über "Logemann" kam ich nicht weiter. Es kommt nun auch kein Satz wie: "Es ergab sich eine plötzliche Wendung, als sich X bei mir meldete." Nichts dergleichen. Keine Spur von Sunny -- nur diese drei Singles. Auf den Platten steht allerdings noch von wem die Platten hergestellt worden sind: Jacobs & Wehrhahn, Postfach, 5 Köln 30. Die erste Single ist auf dem Label "Sound-Record", einem Unterlabel von "New Blood", erschienen.

New Blood wurde von Helmut Jacobs (+ 19.02.77) und Manfred Wehrhahn 1972 gegründet. Man begann mit Schallplatteneinzelaufnahmen, Jacobs beschäftigte sich seit seinem 17. Lebensjahr hobbymäßig mit Schallplatteneinzelschnitten. 1974 hatten sie eine Folienschneideanlage für Stereoschnitte, damit konnten sie Einzelaufnahmen für Bands herstellen. Ein Jahr später machte man Lohnpressungen mit Folienschnittfertigung und Handkonfektionierung der Schallplattenhüllen. Ab Mitte 1976 wurden dann Künstler unter Vertrag genommen. "Die Firma New Blood Schallplatten war zu diesem Zeitpunkt einmalig in Deutschland, da sie schlummernden Talenten die Möglichkeit eröffnete, preiswert ihre Werke auf LP oder Single zu verewigen", heißt es auf der Homepage von Radar Music.

Zu den "schlummernden Talenten" gehörte die Rockgruppe PROM aus Weil am Rhein, auf einer Homepage wird berichtet:

"1978 beschloß man, eine Langspielplatte aufzunehmen. Durch eine Anzeige stieß man auf eine kleine Plattenfirma, New Blood in Köln. Inhaber: Manfred Wehrhahn. Das Band für die LP wurde am 23.9.1978 im Kirchensaal von Friediingen, einem Vorort von Weil, unter einfachsten Bedingungen aufgenommen, dann von Robert geschnitten und mit Bildern für die Hülle an New Blood geschickt. Von da an hörte man erstmal nichts mehr von dort. Die Gruppe hatte alle ihre Einkünfte und zusätzlich noch eigenes Geld in die Sache gesteckt, wurde aber nun von Manfred Wehrhahn immer wieder damit vertröstet, daß alles im Gange sei.

Die Freude auf die hundert LPs, die gefertigt werden sollten, war allmählich Wut und Enttäuschung gewichen. Schließlich fuhren Robert und Uwe an einem Wochenende nach Köln, um sich die Firma einmal näher anzusehen. Sie lag in einem Mehrfamilienhaus in der Innenstadt, und Manfred Wehrhahn machte auf die beiden keinen vertrauenerweckenden Eindruck. Robert Dietz: 'Er nutzte aber unsere Jugend und Unerfahrenheit mit Versprechungen aus, so daß wir voller Zuversicht wieder heimfuhren.' Doch nichts geschah. Schlußendlich wollte man das im voraus bezahlte Geld wieder zurück. Als Antwort kam ein Andruck der Plattenhülle. Nach Mahnbescheiden schickte man zweimal den Gerichtsvollzieher zu New Blood, der aber nichts Pfändbares fand, so daß man auf den Kosten sitzenblieb. Nun setzte sich Robert Dietz mit dem Preßwerk Pallas in Diepholz in Verbindung und erfuhr dort, daß die Platten fertig waren, aber erst nach Begleichung der ausstehenden Rechnungen an New Blood ausgeliefert würden.

Nach zähen Verhandlungen konnte man das Preßwerk dazu bewegen, die 78 gefertigten LPs "Fooled again" (New Blood 7678) für ein etwas geringeres Entgelt per Nachnahme gleich an die Gruppe zu schicken. Bei der Druckerei der Plattenhülle stieß man allerdings auf taube Ohren, so daß man sie bei einer kleinen örtlichen Druckerei neu fertigen ließ [...]. So hatte man letztlich alles doppelt bezahlt und viel Geld verloren. Sämtliche 78 LPs wurden innerhalb kürzester Zeit über die örtlichen Schallplattenläden abgesetzt, um wenigstens einen Teil des Geldes über den Verkauf wieder zurückholen. Die Angabe der Stückzahl ist übrigens gesichert, der Lieferschein von Pallas liegt vor." (Quelle: http://mitglied.lycos.de/MartinPruckner/promstory.html, so gesehen am 19.12.2003)

Aber all dies muß nichts mit Sunny zu tun haben. Wo und wie hat sie wohl ihre Singles verkauft? Immerhin waren es ja drei Singles, auch wenn die Auflage nicht sonderlich hoch gewesen sein wird.

Wird man nun die New Wave-Götter (das Orakel von Hilsberg oder das Orakel von Teipel) fragen, wird man die Antwort bekommen, dass Sunny nichts mit New Wave in Deutschland zutun hatte. Die gab es nicht, die war nicht dabei. Klar! Anderseits war es auch so, dass die deutschen New Waver noch im Sandkasten saßen, als die Sunny's Platten bereits draußen waren. Sunny wollte wohl so etwas wie Rock 'n' Roll machen und glaubte wie die Wiggins Sisters, dass sie wirklich gut sei oder vielleicht glaubten es auch nur Jacobs und Wehrhahn -- die nie etwas mit New Wave am Hut hatten (was aber für Studiofritzen damals auch nicht wichtig war). Aber Punk oder New Wave, nein, davon hatte Sunny wohl gar nichts gewußt.

Ich hatte Manfred Wehrhahn eine eMail gesendet. Er antwortete nicht und das ist auch gut so, denn ich vermute die Wahrheit über Sunny würde mich eher enttäuschen.

Auch zu A&M Two Generations sind leider hisher keine Hinweise eingegangen. Und da auch die wunderbaren Seiten über die "Limburger Pest"-Szene verschwunden sind möchte ich nochmal herzlich auf die von mir verbrochene PDF-Version von Blechluft 5 verweisen, die immer noch online ist! Ich hoffe, Gaukeli hat nichts dagegen.

Kommentare:

Bff hat gesagt…

Ich hab mp3s von den zwei ersten Singles. Wenn du deine eMailadresse postest kann ich sie dir schicken.

martinf hat gesagt…

hey, das ist ja ein echtes geburtstagsgeschenk :-)
darf ich die auch posten?
ra.fuchs@web.de
dank im voraus!

Anonym hat gesagt…

wieso ist denn da nie was draus geworden? ich such das zeug seit dem artikel in rock session. das muss so ungefähr 1978 gewesen sein. gibts die Lp "Hemo" auf Sound Record PA 475 überhaupt? kann ja wohl nicht wahr sein: da haben wir in den letzten 20 jahren selbst die seltensten azetate aufgetrieben, aber nix von A&M. zeit wirds. lolly