17.10.07

A&M Two Generations

Kürzlich war auf der Blechluft-Webseite, um mir aus den dortigen Webseiten ein Pdf mit der nur online erhältlichen "Edition Blechluft 5" zu fabrizieren - einschließlich der großartigen "Limburger Pest"-Dokumentation. Lesen! Jetzt!! Sofort!!!
Dabei stieß ich auf einen Artikel zu 2 Singles von Sunny Logemann, die von der musikalischen Beschreibung her wie das deutsche Ebenbild zu den Shaggs klingen müsste. Hören wollen! Wo kann ich die Singles runterladen?! Oder vielleicht sollte ich einfach schweigen und täglich auf ebay stöbern?
Bei der Suche nach weiteren Infos zu Sunny Logemann kam ich auf die Webseite von Radar Music. Dort entdeckte ich auch den Namen "A&M Two Generations" und den Hinweis, dass deren LP teuer gehandelt würde. Ansonsten schweigt das Web (soweit von Google gespeichert) bisher. Aber das eigene Hirn ist (manchmal) die bessere Suchmaschine und so erinnerte ich mich an einen alten Artikel aus der Musikzeitschrift Musik-Joker. Der Musik-Joker war ein Musikzeitschriften-Projekt des Axel Springer-Verlages in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre und was ich an Ausschnitten davon behalten habe kann keine gewisse Nähe zur Bild-Zeitung nicht verleugnen:

A&M: Selten so gelacht
J. B. Hamburg
Nach der dritten Vorstellung im "Pö" kochte Ali, der faltenreiche A&M-Bassist (54) erstmal auf der Herrentoilette Kaffee. Derweil schmierte Go-Go-Girl Herta (50) an einem kleinen Tisch auf der Bühne Käsebrote. Zeit fürs Frühstück nach vier Stunden Show. Morgens um zwei ist die Welt für Deutschlands erste, einzige und älteste Punkrock-Gruppe in Ordnung. Sie heißt "A&M two generations & the Hemo-Girls und kommt aus Aschaffenburg.
Die Hemo-Girls sind Herta und ihre hübsche Schwiegertochter Monika. Sie tanzen in selten komischer Reizwäsche (selbstgemacht) auf Bühne und Tischen, sie strippen halbherzig, denn "die Hemo-Girls sind sauber" (Songtext). Herta zur Choreographie: "Isch gugge mir immä des Fernsehballett aa".
A&M steht für Ali - er hält erst seit vier Jahren den Baß - und Sohn Manfred, den blonden, geradegescheitelten Star: er tritt die Baßtrommel, fetzt einige Riffs auf der E-Gitarre herunter und singt und spielt Mundharmonika.
Der dröhnende Sound und die monotonen Songs entstammen der frühen Beat-Ära: "I Can't Get No Satisfaction", "Icecream", dazu deutsche Texte, selbstgereimt, die in ihrer göttlichen Einfalt ("Mein fauler Zahn) haargenau den rotzig-primitiven Stil der ersten Beatbands treffen.
Das Publikum tanzte, tobte und lachte Tränen wie lange nicht.

Deutschlands erste Punkband
(Musik-Joker 10/77)

Aber auch der Stern war ja nie ein kompetentes Magazin in Sachen Popkultur, wie folgender Ausschnitt beweist:

A & M Two generations and the Hemo-Girls, Deutschlands einzige Familien-Rock'n'RollBand, sorgt in der Pop-Branche unfreiwillig für befreiendes Gelächter. In Hamburgs weltweit bekanntem Musiklokal "Onkel Pö" bot die Gruppe dem Publikum musikalische Einfalt. Produziert wurde die Musik vom faltenreichen Vater Alfred Fäth, 55, und seinem kurzgeschorenen Sohn Manfred, 29 (verdeckt am Schlagzeug), mit Gitarre, Mundharmonika und Pauke über eine 45 000-Mark-Verstärkeranlage. Dazu hüpfen Mama Herta Fäth, 50, und ihre angehende Schwiegertochter Monika, 22, in selbstgenähter Reizwäsche wie Känguruhs über Bühne, Tische und Stühle. Die Zwerchfell-Reaktion des Publikums nehmen sie als anerkennenden Beifall entgegen. Wenn die vier nicht gerade irgendwo zwischen Bayern und der Waterkant tingeln, sticken die Damen zu Hause in Aschaffenburg neue Go-Go-Wäsche, Vater arbeitet bei den Amerikanern und Sohn Manfred auf dem Kreiswehrbezirksamt.

(Stern 1977)

Neben vermutlich einigen Artikel in der Aschaffenburger Regionalpresse gab es noch mindestens eine Meldung in der BILD-Zeitung, als Hertha Fäth am 1.1.1978 auf dem Sylvesterball der Fachhochschule Bergedorf auf der Bühne tot zusammenbrach: "Deutschlands ältestes Go-Go-Girl tanzte sich auf der Bühne zu Tode". Wer mehr über die Band wissen will sollte nach dem lesenswerten Beitrag von Tillmann Obermeier in der Anthologie "Rock Session 3" (rororo, 1979) Ausschau halten. Dort ist unter anderem erwähnt, dass die LP "A & M Two Generations & the Hemo Girls" nur eine Auflage von 500 Stück hatte und die Familie selbst mit dem eher dünnen Sound nicht zufrieden war. Ob es noch weitere Platten von Alfred und Manfred Fäth mit neuen Sängerinnen/Tänzerinnen gibt entzieht sich meiner Kenntnis, aber diese eine LP würde ich gerne mal hören. Kann irgendjemand da draußen weiterhelfen? Hallo Krautrockteam?!

Translation: Hello everybody at WFMU, especially the contributors to the 365 days project, have you ever heard of Sunny Logemann and/or A & M Two Generations & the Hemo Girls?
Sunny Logemann released 3 Singles in 1977 or earlier through the label "Sound Records" from Cologne/West Germany, one single has the self-composed songs "Devilschap"/"He's A Romeo" and the second single was "Rock & Roll is as Dynamite"/"Down to the Sea". I haven't heard the single, but according to this internet-source they should sound like the Shaggs. So if you have any of these records PLEASE POST THEM IMMEDIATELY! And the same goes for the probably only album from "A & M Two Generations & the Hemo Girls" from Aschaffenburg/West Germany released in I think 1976. This band was a family affair with father Alfred Fäth on bass and son Manfred on drums, guitar and vocals - and mother Hertha and Manfred's girlfriend Monika gogo dancing. They seem to have been an amateur rock'n'roll version of Florence Foster Jenkins. Hertha Fäth even died on stage on January 1st 1978 dancing herself to death according to a certain well hated German yellow press. Again if you have this record PLEASE POST IT IMMEDIATELY!
Thanks in advance!!!

PS: Merkwürdigerweise sind die Links zu Blechluft, Sunny und der Limburger Pest in den letzten 2 Wochen verschwunden, daher hier meine PDF-Version von Blechluft 5 (download)

Kommentare:

Dirk hat gesagt…

... unglaublich ... ich sag' ja immer: ich bin einfach zu jung! hätte ich gerne mal live erlebt ... ha ha ....

toller blog, weiter so!

dirk/sexy-loser.blogspot.com

Anonym hat gesagt…

Hi Martin,
das ist ja wirklich jammerschade,
das du da noch nichts von aufgetan hast
im Rocksession 3 hab ich seinerzeit wegen des Bildes wohl gleich weitergeblättert
aber the times they are...
der Funfaktor ist hier ja wirklich Top
hatte vor längerer Zeit mal wegen reup der Albrecht Family angefragt,
die scheint ja noch perverser zu sein, könnte das noch mal was werden ?
Nach A&M-TG werd ich auch mal auf die Pirsch gehen, falls was bei rumkommt, darfst du sie posten
ag

Anonym hat gesagt…

Bei A & M Two Generations habe ich mal mitgespielt. Nachdem Alfred nicht mehr so richtig spielen konnte, habe ich ihn am Bass ersetzt.

War ne coole Zeit damals :-).

kobolz hat gesagt…

Ach, die waren im Pö der totale Hit, auch weil sie rasend nett waren und ganz essentiell die Ur-Idee handgemachter Musik von und für Jedermann verkörperten. Wohlgemerkt: vor Punk und ohne dessen Zorn-Zelebration. "Satisfaction" hatte auf der Platte den Credit "Mick Jagger-M.Fäth" und ging: Du bist mein Göhörl/ich bin dein Bohoy"...

Anonym hat gesagt…

Gibts irgenwann ein REUP von dem Blechluft PDF ?

martinf hat gesagt…

soweit ich das übersehe ist das meiste davon jetzt auch offiziell wieder zu bekommen, daher kein re-up. -> http://www.guentersahler.de/blechluft.html#BL5

Cataldo Procacci hat gesagt…

Hat jemand Informationen über den Verbleib von Manfred Fäth,
kann jemand einen Kontakt herstellen?
Ich stamme aus Aschaffenburg und würde gerne mehr erfahren, usw...
Danke!