31.12.10

199 Jahre Free Jazz


Nur per Zufall entdeckte ich, dass am 9. Dezember das Alexander von Schlippenbach-Trio auftrat – interessanterweise nicht im Jazz Club (so wie in den Wochen davor das Adrian Belew Power-Trio, das eigentlich keinen Jazz spielte, sondern klasse Prog-Rock, oder Alan Holdsworth, der Gitarrist, der sich selbst dekonstruierte, oder einfacher ausgedrückt vor unseren Ohren zerbröselte), sondern in der Musikhochschule. Vor Ort stellte sich überraschend heraus, dass diese Veranstaltung ungefähr Folge 243 der Reihe Hohe Ufer-Konzerte war, eine Kultureinrichtung, die ich längst im Hades vermutete. Dieses kulturelle Kleinod Hannovers existiert offenbar ganz versteckt, denn im Internet habe ich bisher keine Webseite gefunden. Sehr Schade. Trotzdem war der Hörsaal 202 gut gefüllt, wobei die Hälfte des Publikums wirklich so aussah wie mensch sich ein Free Jazz-Publikum vorstellt. Daneben gab es auch einige junge Leute, die eher wie HipHopper aussahen, aber sich nach dem Ende der Veranstaltung völlig begeistert von dem Gehörten zeigten. Zu Recht!




Nein, ich kannte vorher nur die Namen von Alexander von Schlippenbach (72), Evan Parker (66) und Paul Lovens (61), nicht ihre Musik, aber bei Free Jazz geht es nicht um Wohlklang, sondern um Freiheit, Kommunikation und Energie. Und das war alles da! 38 Jahre Zusammenspiel haben das Trio quasi traumwandlerisch zusammengeschweißt. Es sah zwar anfangs so aus als ob jeder auf seinem eigenen Planeten spielen würde aber es passte trotzdem sofort zusammen. Das Konzert begann mit einem 40-minütigen Set, der sich wellenförmig zwischen Trio- und Duo-Formationen bewegte. Evan Parker stand oft nur mit geschlossenen Augen da, hörte den anderen zu, um dann punktgenau mit dem Saxophon einzusetzen. Paul Lovens spielte alles Mögliche nur keine nachvollziehbaren Rhythmen, dabei war sein Spektrum an Klängen mit Hilfe der mitgebrachten Holzbretter, Metallteile und Schlagzeugreste (die Bassdrum wurde vom Veranstalter gestellt) sehr breit. Allerdings übertönte er nach meinem Geschmack die anderen beiden etwas zu sehr, was vielleicht auch an der Raumakustik lag. Alexander von Schlippenbach selbst wirkte ein bisschen unsicher auf den Beinen, was sich musikalisch aber nicht auswirkte. Im Gegenteil, ich vermute dass für ihn das Gleiche gilt wie für Vladimir Horowitz, der von sich einmal sagte, mit dem Alter würde sein Klavierspiel immer besser, weil die Gelenke immer lockerer würden.




Nach einer Pause gab es einen zweiten halbstündigen Set, der nicht ganz die Brillanz des ersten erreichte, aber dafür zwischen Trio- und Solo-Passagen wechselte. Sogar eine Zugabe gab es noch, ein kurzes Duo von Schlippenbach und Lovens mit Schlagzeug und präpariertem Klavier. Wunderschön! Insgesamt ein großartiges Erlebnis an der Grenze zwischen Free Jazz und Freier Musik.




Und da moderne Digitalkameras mehr können als nur Massen von einzelnen Bildern aufzunehmen hier noch der Ton (der ordentliche Sound liegt vermutlich an der Akustik des Hörsaals, denn am Sonntag vorher bei Vic Godard und Subway Sect war der Filmsound eher scheiße, was aber auch am Mischer gelegen haben kann, denn die Anlage war in dem kleinen Laden für meinen Geschmack viel zu laut eingestellt, vielleicht hatte er ja mit mehr Besuchern gerechnet?) von den teilweise zufällig entstandenen Filmchen. Als Einstieg einige Fragmente aus dem zweiten Set und der Zugabe zusammengeschnitten (2:07 Minuten):
(download)
Und hier ein 16:02 Minuten-Ausschnitt aus dem ersten Set:
(download)
Und da Urheber der Fotos vermutlich derjenige ist der den Auslöser bedient und nicht der Eigentümer der Kamera geht ein Dank auch noch an Christoph Abée von der Gitarrenarmee und Wettermann!

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

dreckscheisse.

martinf hat gesagt…

@ Anonym: stumpfpunk

Anonym hat gesagt…

ejhaudochabdustumpfetedsau.....

ano2

12tone4ever hat gesagt…

Schade eigentlich. Ich hatte davon sogar noch gelesen, hatte aber leider keine Zeit hinzugehen.

Deswegen vielen Dank für deine Impressionen.

Peace

shefferson hat gesagt…

Leider finden solche Konzerte meist
nur an obskuren Plätzen statt, dass
ist in Hannover nicht anders als in Frankfurt.
Wenn man nicht zufällig darüber stolpert,hat man es auch es auch schon verpasst.

Zumal die meisten Herren(Damen gibt es ganz wenige)schon im fortgeschrittenen Alter sind und man
vielleicht keine zweite Chance bekommt. Diese Musik ist leider
unterrepräsentiert.