14.6.06

Materialschlacht 1979


Die Materialschlacht-Single habe ich im August 1979 erstanden, zusammen mit der Mittagspause-Doppelsingle tatsächlich eine meiner ersten deutschen Punk-Platten (Rotzkotz-LP im Juli 1979, alles andere kam später). Wie Punk aus England oder New York abgeschaut klingt die Single aber nicht, mit ihren ungeraden Rhythmen und collagierter Musik - früher dachte ich immer, die Sängerin schreit so auf der Platte, aber heute würde ich sagen, da wurde eine Aufnahme von Yoko Ono (vermutlich "Fly") mitverwurstet. Know your roots! Solche Einstiege in ein neues Musikerlebnis können sehr prägend sein, nicht nur weil ich die Platte mangels Angebots weiterer Platten aus der deutschen Punk-Szene sehr oft gehört habe. Die Single zeigt zudem zweierlei: 1. dass die frühen deutschen Bands die Idee des Punk adaptierten, aber meistens nicht die musikalischen Stil-Vorgaben, und 2. wie wichtig das Thema "Deutscher Herbst" in der Gründungsphase des deutschen Punk waren. Die Male-LP ist von dem Thema durchzogen, Mittagspause und S.Y.P.H. haben das Thema aufgegriffen, die Pyrolator-LP "Inland" kann zurecht als künstlerische Reaktion auf das damals herrschende politische Klima in Deutschland angesehen werden. In der heutigen Geschichtsschreibung von Deutschpunk wird das Thema RAF jedoch völlig marginalisiert.

Leider habe ich mein Exemplar von "Verschwende Deine Jugend" gerade verliehen, deshalb kann ich nicht viel über Materialschlacht erzählen außer dass sie auch Gelsenkirchen kamen, Sylvia "Mona Lisa" James die Sängerin war, Uwe (Bauer) und Micha(el Kemner) Schlagzeug und Bass spielten, und Justus und Wolla Gitarre und Tapes bedienten. Aufgenommen wurde die Single im "Grün in Gevelsberg" (vermutlich handelte es sich dabei um den Landgasthofes "Grün Inn", dessen Teilhaber damals auch ein gewisser Kurt Dahlke alias Pyrolator war), wo auch die erste S.Y.P.H.-EP entstand (dazu mehr demnächst). Alfred Hilsberg schrieb in der Sounds 10/79 folgendes: "Mona Lisa heißt eigentlich Sylvia James, kam vor etlichen Jahren aus England, war eine ganze Zeit politisch links organisiert, versucht schon lange fortschrittliche Kulturarbeit zu machen, arbeitete an der Zeitung "Einige Millionen" mit, gibt das "Magazin für Verliebte" raus und arbeitet mit der Gruppe Materialschlacht. Sylvia: "Ich könnte nicht behaupten, daß ich Musik für Massen mache. Ich mache das in erster Linie für mich selbst. Ich versuche schon, Vorstellung, die ich habe, zu vermitteln. Ob die Leute das verstehen, das bleibt denen Überlassen. Aber ich denke schon, daß es Leute gibt, die sich dabei was denken.""

Sylvia James war auch Mitglied in der Gruppe 20. Jahrhundert von Jürgen Kramer und spielte dort Bass. 1982 trat sie mit Kramer bei der Musikperformance "opus posthum" auf, über die mehr hier hier nachgelesen werden kann. James schrieb auch an Krames Publikation "Der Rabe" mit. Was sie in den letzten 25 Jahren machte entzieht sich meiner Kenntnis.

Uli Rehberg schrieb im Fanzine Rockmusik in Hamburg im Oktober 1979 folgendes über diese Single: "materialschlacht haben sich in hamburg zum ersten mal bei "punk bis zum untergang" am 29.6.. vorgestellt und sie sind bei der redacktion dieses schon jetzt unsterblich gewordenen blattäss!! auf einhellige ablehnung gestoßen. Mir jedenfalls gingen die kaum zu kategorisierenden materialschlachtgeräusche auf die eier, was sicherlich noch durch die katastrofal ausgesteuerte pa verstärkt wurde (den kerl, der da rumgemixt hat, sollte man tatsächlich aufhängen!). ich glaube bei den materialschlächtern müssen beschreibungsversuche wie industrie-/ultra-/anti-/chaos-/terror-/programm- oder sonstige musik genauso lächerlich-hilflos bleiben wie beispielsweise bei daf, syph oder plan. die musiker selbst sprechen von acid-punk bzw. "non-system-music" und einem versuch, die grenzen der bisherigen musik (wo sind die??) zu überwinden. für mich reicht es erst mal festzustellen, daß da was "modernes" (universalwort!) und eigenständiges produziert worden ist, was äußerst unkonventionell tönt und mich fasziniert. jetzt habe ich meinen perversen drang, alles gleich mit etiketten zu versehen, doch noch befriedigt! meinem qualifizierten (fehl-) urteil sei noch hinzugefügt, daß ich die materialschlacht-single genauso wie die male-, rotzkotz-, mipau-, plan- und salino-erzeugnisse schon jetzt für wichtige versuche einer aufkeimenden brd-new-wave ansehe, und die frage die ich mir immer wieder stelle ist: welchen weg wird dieses kantig-frische musiek einschlagen? wie lange dauert's bis sie ersten anpassungserscheinungen an kommerziell gängiges auftreten??"

Es passt zu dieser Plattenkritik, dass sich Materialschlacht im Frühjahr 1980 auflösten. Dazu schrieb James einen Brief an das schweizer Fanzine Jamming, den ich in meinem Fanzine Bericht der U.N.-Menschenrechtskommission über Menschrechtsverletzungen in der Bundesrepublik Deutschland #2 im Juni 1980 zitierte: "Wir lösten uns auf zu einem Zeitpunkt, da es hier in Deutschland mit den Geschäften um New Wave und dem Interesse der etablierten Medien an der New Wave losging. Wir hatten eigentlich nur die Alternativen, am Geschäft teilzunehmen oder uns aufzulösen. Zumindest war die Auflösung eine konsequente Handlung bezüglich der kommerziellen Interessen an uns. Man kann das, was man macht, so ehrlich meinen wie man will, sobald ein Interesse für die Verkaufbarkeit einer Musik, bzw. einer Kunst entsteht, die angeblich neue Ansätze, Inhalte, Tendenzen aufzeigt, gehen ursprüngliche Inhalte zugunsten der Kommerzialisierbarkeit verloren. Das Ganze wird dann bloß zu einer neuen Mode heraufbeschworen und nur allzu viele Leute sind bereit, die Vorschriften der neuen Mode mitzumachen, und sich selbst dabei aufzugeben. So sind dann auch viele Leute der deutschen Szene der "SOUNDS" dankbar, daß sie ihnen zu ihrem Ruhm verhilft. Und sie sehen nicht dabei, daß sie sich dem "System" willenlos ausliefern. Wahrscheinlich ist aber die Neue Welle wirklich so harmlos und inhaltslos wie sie sich selbst in den Medien darstellt/darstellen lässt."

Materialschlacht "Kinderfreundlich"/"BKA" Single, Schizoanoia Production 1979 #007/33337 (download als Zip-Datei)

PS: Leider gibt es inzwischen auch eine Nazirock-Band, die sich Materialschlacht nennt. The times, they are a-changing... (auch der heilige Bob hat Texte geschrieben, die sich beliebig auslegen lassen…)

Kommentare:

rich hat gesagt…

Wonderful, I've never been too fond of German punk, but there's some excellent tape collage noise and sound treatments on this. Love the sleeve too. A real find for me this one, I'll have to try and track down a real copy. Many thanks!

che seibert hat gesagt…

hallo, habe damals auch materialschlacht im ruhrgebiket gesehen, war eine der besten gruppen seinerzeit...hat jemand eine adresse von sylvia james heute? irgendwann war sie in bremen, aber das ist auch schon 25 jahre mindestens her, daß ich da kontakt mit ihr hatte. wer weiß mehr?
Che.Seibert@t-online.de

Anonym hat gesagt…

Hallo,
besteht eine Chance den Download der Single wieder möglich zu machen. Materialschlacht gehört neben den Salinos (die EP von denen wär auch super) zu den wichtigsten Combos meiner Jugend (ich bin aus Gelsenkirchen).
Natürlich hatte ich auch die Platten, aber die sind mir vor ewigen Zeiten auf einer Party geklaut worden.
Vielen Dank für den tollen Blog.

martinf hat gesagt…

it's up again

Anonym hat gesagt…

Mehr über Sylvias musikalische Aktivitäten kann man hier finden: http://www.discogs.com/artist/Sylvia+James
Auch wenn längst nicht komplett. Das liegt daran, dass ihr nie was an der kommerzialisierung von Musik lag und das meiste musikalische Material unter Freunden und Bekannten blieb.
Aber die Musik ist in der Familie geblieben, inzwischen ist ihr älterer Sohn musikalisch und künstlerisch aktiv, zu hören ist er auf der Seite http://www.fyra.de

Beste Grüße,
Ein Insider

Sea Wanton hat gesagt…

eine der besten veröffentlichungen zu jener zeit. für mich ein vorzeigeobjekt der 'Neue Deutsche Welle' - musik zur zeit. - das war/ist gute musik für mich.

Anonym hat gesagt…

hallo, wäre es möglich die platte nochmal hochzuladen? wäre super!