16.11.07

Verfolgte deutsche Musiker


Gerade bei heise.de entdeckt: Punk-Bands, ostdeutsche Zeitschriften und Journalisten im Überwachungsnetz (Hervorhebungen von mir):

Zu Unrecht beschattet fühlt sich derweil auch die Band "Mono für Alle!" (MfA). Die Punkformation aus Gießen stand aufgrund von kritischen Texten etwa beim Lied "Hallo Verfassungsschutz" schon einmal im Zentrum der Aufmerksamkeit der bayerischen Staatsschützer, welche die Löschung der Songprosa von der Homepage der Musikgruppe verlangte. Nun meldet MfA, dass auch die Staatsanwaltschaften Stuttgart und Gießen seit knapp einem Jahr gegen sie aufgrund des Lieds "Amoklauf" ermittle. Demnach soll der mit dem Fall beauftragte Staatsschutz das Umfeld der Bandmitglieder observiert, Schulakten durchforscht und Konzertveranstalter kontaktiert haben. Zudem habe sich ein Fahnder mit einer extra angelegten E-Mail-Adresse im Fanklub von MfA angemeldet. Dies alles sei ohne Kenntnis der Bandmitglieder geschehen, die nach eigenen Angaben erst kürzlich aufgrund der Befragungen in ihrem Umfeld von den Ermittlungen erfahren haben.

Laut der inzwischen erfolgten Akteneinsicht starteten die Verdachtsmomente im Dezember 2006, als die Polizeidirektion Waiblingen auf den Song "Amoklauf" gestoßen sei und diesen in einer E-Mail an die Stuttgarter Staatsanwaltschaft als "sehr aggressiv und aufreißerisch" beschrieben haben soll. Erwähnt wird unter Bezug auf ein Interview mit der Band aus einem Computerspiele-Magazin, dass das Lied nicht vor 22 Uhr im Radio laufen dürfe. Nicht hervorgehoben wird die darin ebenfalls enthaltene Passage, dass MfA selbst dem Lied eine therapeutische Wirkung unterstellen, die vom Amoklaufen abhalte. Genauso fehlt der Hinweis, dass das Stück Medienwächtern zufolge klar unter die in Artikel 5 Grundgesetz garantierte Kunstfreiheit fällt. Die Staatsanwaltschaft selbst kommt laut der Ermittlungsakte zu dem Schluss, dass der Titel in Zusammenhang mit Amokläufen an Schulen gesehen werden müsse und wittert eine "Anleitung zu Straftaten" gemäß Paragraph 130a StGB.

Der Fall wandert an die Staatsanwaltschaft Gießen weiter, welche den Staatsschutz mit weiteren Ermittlungen beauftragt. Dieser unterstellt der Band ein "extrem konspiratives Vorgehen", da es "keinerlei Anhaltspunkte zur Identifizierung der Mitglieder" gebe. Die folgenden Observationen konzentrierten sich laut MfA zunächst unter anderem auf die Durchforschung des Internet, die Online-Bestellung von Tonträgern sowie die Auswertung von Fotos und Interviews. Auch Veranstaltungszentren, an denen Auftritte der Gruppe geplant sind, sollen ins Visier der Fahnder geraten sein. Erst acht Monate nach dem Beginn der Ermittlungen kommen die Staatsschützer laut der Akte auf die Idee, eine Whois-Abfrage über die Domain der Band-Webseite zu stellen. Die dabei herausgefundenen personenbezogenen Daten nutzten sie MfA zufolge, um im Familien- und Bekanntenkreis herumzuschnüffeln und Persönlichkeitsprofile zu erstellen. Mono für Alle! hat nun einen Rechtsanwalt eingeschaltet.

(Stefan Krempl)

Wenn der Staatsschutz nicht allzu doof war hat er natürlich auch meinen Blog entdeckt und in seinen Akten gespeichert. Vielleicht bin ich auch schuld, weil ich den Song Amoklauf am 22.11.06 geblogt habe und danach Lieder von den Beatles und Kirchenmusik - und da könnte ich mir schon vorstellen, dass ein(e) gelangweilte(r) Polizist(in) bei der Polizeidirektion Waiblingen nach sowas sucht und hinterher das private Surfvergnügen als verdachtsunabhängige Ermittlingsarbeit darstellt. Ich hoffe Mono Für Alle nehmen meine vorsorgliche Entschuldigung an so wie Helmut "Seine Frau im Dunkeln in Ludwigshafen sitzen zu lassen ist kein Ideal" Kohl die von Wolfgang "Ich habe weder Kritik an Kohl geübt noch ihm einen Vorwurf gemacht" Thierse. Und übrigens an dieser Stelle ein herzliches FUCK YOU an Pekka-Eric Auvinen. Hättest du mal besser "Loser" von Beck angehört (I'm a loser baby, so why don't you kill me?) anstatt "Stray Bullet" von KMFDM. Andererseits: wenn sich alle Nazis umbringen bevor sie Führer werden ist das schon okay, aber bitte ohne Kollateralschaden.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

ich möchte nicht, dass der Song Amoklauf von MfA die Schuld bekommt. Das Lied ist harmlos. Es hat nichts mit dem zu tun, was Leute sich in ihren Hirnen zusammenspinnen. Außerdem bin ich sehr dagegen, dass Pekka-Eric Auvinen als Loser und mit "fuck you" beschimpft wird oder gar mit Adolf verglichen wird. Das ist Schwachsinn.
Den Song "Stray Bullet" finde ich gut und ich weiß nicht, was er mit Amokläufen zu tun hat. Nur weil es zufällig von jemandem das Lieblingslied ist, heißt das nicht, dass alle Amokläufer dieses Lied hören oder dass dieses Lied den Amoklauf verursacht hat. Das ist wohl jedem klar. Ein Verbot von Lieden wird wohl gar nichts ändern.

martinf hat gesagt…

Ich bin nicht der Ansicht, dass jemand, der 8 Menschen erschossen hat und dazu sagt "Ich, als natürlicher Selektierer, werde alle eliminieren, die ich als unbrauchbar ansehe, Schandflecke der menschlichen Rasse und Fehlschläge der natürlichen Selektion." (http://burnttongue.net/wordpress/medien/objektivitaet-pekka-eric-a-amoklaeufer-natuerlicher-selektierer/) in irgendeiner Art und Weise höflich zu behandeln wäre. Andernfalls würde man sich der Gefahr aussetzen als Sympathisant dieses verkackten Herrenmenschen zu gelten.