21.3.11

the holy grail

Der heilge Gral der deutschen Tape-Szene sind die 4 Musikcassetten, die 1981 von Beate Bartels (ex-Mania D.) und Chrislo Haas (ex-Deutsch Amerikanische Freundschaft) herausgebracht wurden. Die 4 Cassetten waren jeweils 10 Minuten lang und erschienen nur in einer Auflage je von 50 Stück. Musikalisch liegen sie zwischen DAF zur Zeit von "Die Kleinen und die Bösen" und den Liaisons Dangereuses - kennt irgendjemand nicht den Düster-Klassiker "Los niños del parque"? Die geringe Auflage führte dazu, dass zwar viele von den Cassetten gehört hatten, aber sie nur wenige gehört haben. 1998 gab es einen Vinyl-Bootleg, der auch nur eine geringe Auflage zu haben schien - oder ich war nur in den falschen Läden. Erste Hörproben gab es von gut 2 Jahren bei Franz Bielmeier im Rondo-Blog hier und hier. Und jetzt ist das ganze Material im Netz aufgetaucht, nämlich bei Electronic Orgy. Dort wird zwar behauptet, es handle sich um Demos der Liasons Dangereuses von 1981-1985, aber ein Abgleich mit discogs zeigt, dass es sich dabei um die CHBB-Tapes von 1981 handelt. Anhören! Jetzt!! Sofort!!! (Auch wenn die Dateien wohl nicht alle richtig betitelt sind.)
Warum es noch keine offizielle Wiederveröffentlichung der Bänder gibt entzieht sich meiner Kenntnis. Chrislo Haas starb 2004. Sind die Erben unbekannt? Oder hat Beate Bartels kein Interesse? Schließlich konnten die Frauen von Mania D. sich bisher auch nicht darüber einigen, ihre Aufnahmen wieder zu veröffentlichen. Und bleibt mein Mania D.-Mitschnitt vom 21.4.1980 wohl auf ewig ungehört:-(

Update 2.8.2011:
Aus den Untiefen meines Rechners habe ich folgenden Text hervorgekramt aus einem Blog, der zwar noch existiert, aber diese Beitrag nicht mehr enthält:
(...) Mehr als mit den zu nennenden Namen und Bezügen ist mir Chrislo mit etwas vielleicht, aber nicht ganz Marginalem im Gedächtnis geblieben: Seinem Bassdrum-Schlag auf dem Korg. (Damals ein relativ günstiger, sich auch wegen seinem experimentellen [vulgo: auch für Dilettanten zugänglichen] Charakter - weit verbreitenden Synthesizer; die Module [je spannungsgesteuerte Oszillatoren, Filter, Verstärker, Hüllkurvengeneratoren usw.] waren mit simplen Steckverbindungen zu "routen" und damit nahe am allersten Moog, und d.h. hier: an der Physik des Klangs!)

Chrislo zeigte mir diesen Schlag damals auf seinem MS 50 in der Wohnung am Schadowplatz, wo die Basis Spuren zu Liaisons Dangereuses auf einer TEAC 8 Spur entstanden. Von den Korgs MS 50 hatte ich auch gleich zwei, man konnte sie gut auf den MS 20 (dem mit Keyboard) stellen, da drüber dann die Sequenzer.

Tatsächlich war ich schon selber auf diesen Schlag gestoßen, eine Art fetten, kurzen Peitschenhieb, ein Impulsschlag ohne viel tonale Anteile, mit kurzem Attack, der Filter schon über seinem Q-Punkt, und dann eine invertierte Hüllenspannung drauf... Zack. Geil!

Der Schlag war vielleicht sogar naheliegend gewesen (von Kraftwerk bis Depeche Mode benutzt ihn dann jeder). Aber ich hatte, obwohl früh dran, seine Eignung als Bassdrum nicht erkannt. Und das, weil ich teils eher an experimentelleren Rhythmusmustern interessiert gewesen war, teils weil ich nicht mal derart musikalisch dachte. (Weil ich auch keine Theorie oder auf die tonalen Erfindungen anzuwendenden Konzepte hatte, konnte ich sie auch nicht zu einer Deutlichkeit formen, die außerhalb meiner inneren Anklänge genügt hätte: so blieb ich meist im "Unhörbaren".)

An dem Abend kapierte ich dann auch, woher Chrislo zum Teil schöpfte: Von den "schwarzen" Grooves her. Er nannte mir damals Namen, von denen ich auch mal gehört hatte, die mir aber bisher als Insidergeraune, als eher subjektives Selbstauszeichnungsgehabe von Leuten vorgekommen war, die sich auf eben eine Besonderheit herausreden wollten. Ich wollte überhaupt keine Namen mehr, keine Besonderheiten, nur die Egalität des Klangs - ich hing noch an Minimal-Music und John Cage.

Chrislo hatte sich Fingerbewegungen für Triolen auf dem monophonen Korg abgeschaut und führte sie mir vor. Ich vermutete, da ginge es dann für ihn hin, auf die Weise wie die schwarzen Funk-Leute diese neuen elektronischen Spielzeuge einsetzten: Mit dem Mut zum grellen Effekt, zum Glamour auch, zum Spaß! Leider kam ich erst Jahre später, hauptsächlich durch zwei drei Platten von George Clinton auf diese Spur. (Von dem aus dann Generationen sich begründeten und immer noch hemmungslos klauen: "nothing but the dog in me".)

Und tatsächlich klangen die Rohspuren, die Chrislo mir an dem Abend in der Top-Wohnung an der Topadresse Schwadowplatz vorspielte - da drunter gab es nur anonyme Rechtsanwaltskanzeleien, die nachts leer standen: dieser kommerz-kaputte Ort, und in einem Eckchen nistet sich der künstlerische Aufbruch ein -, der Musik also, die dann später wegen ihrer simplen, infiniten Linearität als wegweisend umraunt wurde, als Vorläufer von Tekkno, fast brachial simpel: gebündelter, weniger hysterisch, aber nicht ganz unähnlich dem, was er bei Deutsch-Amerikanische-Freundschaft gemacht hatte. Das "schwarze" Element, der Groove, lag eben in der auf den Punkt gesetzten Formel, die repetitiv etwas Zwingendes erreichen konnte, über den kopflastigen, deutschen Umweg auf den rollenden Hüftpunkt zielte. Der amerikanische, tatsächlich soziale, der Black-Underground und der deutsche Maschinen-Simple-No Groove-Overground schlossen sich hier kurz. (Ich, der gegen sämtlich Musik-Importe aus den USA zu der Zeit relativ dicht gemacht hatte, meine mich jetzt zu erinnern, dass etwa zu der Zeit auch jemand die ersten Rap-Sachen aus NYC mitbrachte.)

Das also, dieser raumzeit-musikalische Nexus, ist für mich Chrislo, zumindest von meiner Auffassung der Idee seiner Musik her (hier natürlich auch nur sehr vereinfacht). Mit DAF denke ich ihn da schon nicht mehr zusammen. (Und, kann sein, ich unterbewerte damit die anderen Bandmitglieder von LD. Ich bin aber sicher, dass diese mächtigen Sequenzer-Muster tatsächlich die entscheidende Wirkmenge in dieser Musik darstellten: Das Tanz-Hypnotische, auf den Punkt gebrachte "Riffing", in dem der initialisierte, der "getriggerte" Körper zu sich kommt. „Los niños del parque“ läuft ja heute noch, und das Ding lebt eben genau davon.)

Weil ich damals ein stabiles Einkommen hatte, war ich, sonst nur eine Randfigur dieser Szenen, ein paar mal als Finanzier aufgetreten für Sachen, die mir gut gefielen. Die musikalischen Vorläufer von Liaisons Dangereuses war eine Kassettenserie "CHBB" mit der Länge C-10, also fünf Minuten pro Kassettenseite - Tape-Singles, die damals aufkamen -, die auch nur in einer Auflage von 50 Stück produziert wurden. Ein Set davon habe ich heute noch: Nicht nur damals herausragende kleine Audio-Preziosen in weitem Abstand zu dem, was sonst so gemacht wurde! (...)

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

jawolll! und tausend dank dafür...

olli hat gesagt…

ich muss es an dieser stelle loswerden...nach 30 jahren fansein hab ich vor ner woche daf getroffen...nachdem ich alle verantwortlichen totgenervt habe und nervös war wie ein mädel bei take that... nachts um eins inkl. kleiner fotosession. seit dem bin ich selig.

shefferson hat gesagt…

Hatte es schon länger entdeckt
und mich sehr gefreut es im Netz
zu entdecken.
Keine Ahnung warum einige Dinge
verschollen bleiben und andere
veröffentlicht werden.
Allerdings wer hört heute eigentlich
noch Musik.

martinf hat gesagt…

Ich denke mal abgesehen von einigen Hörgeschädigten und religiösen Fanatikern wie den Taliban hört wohl die gesamte Menschheit noch immer Musik. Die Frage ist eher, in welchem Umfang und was die Hörer dafür als Gegenleistung erbringen.

Hermes hat gesagt…

Nach der Wiederveröffentlichung des Liaisons Dangereuses-Album bei Hit Thing wurde auf liaisonsdangereuses.de die Veröffentlichung der CHBB-Tapes in Aussicht gestellt, wohl in kleiner Auflage, denn bei Interesse sollte man eine Mail schreiben. Auf meine Mail hin bekam ich auch eine Antwort von Beate Bartel, worin sie sich für das Interesse bedankte und anmerkte, dass sich die Sache noch etwas verzögern würde. Das ist aber bestimmt schon 4 Jahre her. Aber unter "News" ist das immer noch zu finden. Interesse anmelden ist ja vielleicht weiterhin hilfreich.