4.8.08

Kiev Stingl & Sterea Lisa (re-upped)


Dies ist ein Wunsch, den Anonym vor etwa drei Wochen geäußert hat. Die Platte steht bei mir rum, weil das Cover der Erstauflage damals (1979) eine Klage der Zeitschrift DER SPIEGEL nach sich zog, wobei das Sahnehäubchen dieser Parodie die Tatsache war, dass dort wo beim SPIEGEL die Auslandspreise stehen Kiev Stingl Telefonnummern Hamburger Nutten hinsetzen lies. Im Hintergrund ist übrigens die legendäre BKA-Zeichnung sehen, mit der bewiesen werden sollte, dass sich die RAF-Gefangenen in Stammheim auch selbst hätten Genickschüsse setzen können und nicht nur irgendein externes staatliches Killerkommando. Zur Platte selbst kann ich nur sagen, dass ich sie kaum gehört habe, aber die Plattenkritik, die (vermutlich) Alfred Hilsberg und Hans Keller im März 1980 in SoundS verfasst haben trifft es ziemlich gut:

Nina Hagen Band
UNBEHAGEN
CBS 84104
Kiev Stingl
HART WIE MOZART
Ahorn/Teldec 624094
Aus dem Karoltnenviertel, Hamburg 6
A: Als ich die Stingl-Platte in der Marktstube das erste Mal gehört habe, war ich unheimlich enttäuscht, nach all dem, was er vorher gemacht hat. H: Ja, diese Produktion, das Streichorchester, wer weiß, wer das da aufgebaut hat. A: Gegenüber TEUFLISCH das schon ein Fortschritt, musikalisch. Aber der Selbstdarsteller er geblieben, ein zeitloser. Mir fehlt da der Biß, die aktuelle Bedeutung, das genügt sich selbst. H: - schweigt -.
H: Musikalisch ist das ziemlich langweilig, das dröppelt so wech. Das ist zu steif, dieses tamtamtamtamtam. A: Aber das entspricht Singsang. H: Das ist alles flach produziert, alles zu brav, zu nett. A: Da ist die Nina Hagen Band ja das Gegenteil davon, richtig aufgepeppt. H: Ja, hier sind dagegen pflaumenweiche Sachen drauf. A: Ich find' das ganze reichlich unerotisch, das ist wirklich so ein stilisiertes Wortgeklingel. H: Naja, jahrelange Erfahrungen. . . die Nina Hagen ist da manchmal viel direkter, aber er ist wohl auch an einer anderen Schicht interessiert. A: Ja, der Lindenberg wird von Jugendlichen verstanden, der Stingl sicher nicht; obwohl da ja kein großer Altersunterschied ist, machen die ganz andere Sache. H: Das kannste ja bei diesem Lied "Einmal Erröten" sehen, das hört sich musikalisch wie Lindenberg an, aber so einen Text würde der nie machen. A: Das ragt schon insgesamt raus, aber inner Kirche könnte er sowas auch bringen. H: Da hört man die Einflüsse, die Velvets, die Doors... Aber die Band hört sich manchmal an wie vorm Einschlafen. A: Man müßte mal Frauen befragen, wie die die Platte finden. H: Ja, das ist wichtig. A: Wieso stürzen wir uns eigentlich auf Nina Hagen? Liegt das daran, daß wir da Vorbehalte haben, meinen, was dagegen tun zu müssen? H: Ja, das stimmt schon mit den Vorbehalten. Wohl weil sich vielleicht viele von den Linken und so auf Nina fixieren. Der bundesdeutsche Bürger macht sich durch sie ein Bild von Punk. A: Vielleicht sagt sie, wie zum Teil auch Stingl, was viele sagen und tun möchten, sich aber nicht trauen. H: Dabei ist' diese Musik so alt, leg doch mal diese Frumpy-LP auf, von 71 ist die glaub ich. A: Im Grunde ist die Band eine deutsche Schwermetall-Gruppe. H: Dem Gitarristen sollte man als erstem den Schuh geben. Die ganze Verrücktheit von der Hagen ist musikalisch einfach nicht extravagant genug umgesetzt. A: Die spielt zwar mit ihrer Stimme hier mehr rum als auf der ersten LP, aber das wird irgendwie weggedrückt und stillos gemacht durch diese angepaßte Musik. H: Diese Scheiß-Heavy-Riffs da drin. A: Die Texte sind manchmal ganz gut . . . H: "Ich bin ein Hund" gefällt mir überhaupt ganz gut. A: Und das "Herman"-Stück ist toll. Aber das ganze ist so endlos lang. H: Wenn man die Texte mitliest, geht es besser. A: Die erste Platte war viel durchkonzipierter, man merkt schon, daß sie diese Platte aus Vertragsgründen machen mußte. Obwohl ich mir über ihren musikalischen Geschmack nicht so sicher bin. H: Das sind richtige Melodramen, musikalisch so ein Abklatsch aller möglichen angloamerikanischen Vorbilder. A: Naja, sie kommt ja aus der DDR, und da merkt man auch ihre Opernausbildung. H: Musikalisch ist das nichts Neues, aber als Person ist sie schon ein Querschläger. A: Belassen wir's dabei.


Kiev Stingl & Sterea Lisa "Hart wie Mozart"
made in MAKE up / wir sind MODERN / süß und REIN / babies / solang DU WILLST / keine täter // lila Diva / der TOD der Marilyn Monroe / EINMAL ERRÖTEN / ich KNIPS dich / westEUROPA SOHN
Kiev Stingl - Gesang / André Rademacher - Gitarre / Holger Hiller - Geige, Gitarre / Walter Thielsch - Schlagzeug / Götz Humpf - Orgel, E-Piano, Synthesizer / Jean-Paul Prat - Bass, Flügel / Produziert von Achim Reichel
Ahorn/Teldec Ahorn 1011/6.24094 AP, LP, 1979 (download)

Translation: This is the second album from Kiev Stingl from Hamburg, who gained some notoriety for his freaky poems, but later sunk in the gutter because of heroin. Don't know if he's still alive. Worth mentioning is probably the first appearance of Holger Hiller on record, otherwise...

First posted on 26.07.07

Kommentare:

Zero G Sound hat gesagt…

Wow, danke schön!

Sophia hat gesagt…

und jetz machste mich schon wieder glücklich, verdammt! danke!

franxpunx hat gesagt…

Jugendliche haben die Platte schon verstanden, jedenfalls in meinem Freundeskreis. Nicht immer lag die Sounds richtig. O.K., die Musik ist etwas hölzern, aber seine Texte haben was. Vielleicht der letzte Poet Deutschlands.

Es gibt eine sehr interessante Radiosendung mit von ihm gelesenen Gedichten und Musik live von Mona Mur. Das Teil ist der absolute Brustlöser. Ich Blödmann hab meinen Mitschnitt verliehen (auf nimmerwiedersehen).

Ich habe übrigens Achim Reichel 2004 mal gefragt, was der gute Kiev jetzt so macht. Er ist wohl in den Süden Europas gezogen, ich weiss nicht mehr genau, wohin. Schade.

Anonym hat gesagt…

wer hat diese platte? ich würde sie zu gern mal digitalisieren, oder gern auch abkaufen

danke
gruß
thomas